Die poetische Wahrheit
Wer aus aktuellem Anlass ins Bücherregal greift, doch noch einmal ein schmales Bändchen des frisch gekürten Literaturnobelpreisträgers Peter Handke herauszieht und jene «Winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien» liest, dem wird vieles bekannt vorkommen. Diffuse Andeutungen, Verschwörungsraunen, übelste Beschimpfungen der internationalen Medien und die Glorifizierung Serbiens als «großes Volk». Zwanzig Jahre vor Donald Trump et al.
hat Handke Nationalismus und Fake-News-Tiraden salonfähig gemacht, hat internationale Journalisten als «hochmütige Chronisten», als «Rotten von Fernfuchtlern» denunziert und ihre Recherchen pauschal diffamiert.
Das Massaker von Srebrenica allerdings hat er damals – knapp – nicht geleugnet: «Aber ich möchte dazu fragen, wie ein solches Massaker denn zu erklären ist, begangen, so heißt es, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, und dazu nach über drei Jahren Krieg, wo, sagt man, selbst die Hunde des Krieges sterbensmüde geworden waren, und noch dazu, wie es heißt, als ein organisiertes, systematisches, lang vorausgeplantes Hinrichten. Warum solch ein Tausendfachschlachten? Was war der Beweggrund? ...
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Theater heute November 2019
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Franz Wille
Neue Stücke
Alle Vögel sind schon da, auch der «Bookpink». So heißt der Buchfink nämlich auf Plattdeutsch. Carmen Jeß’ doppelt preisgekröntes «dramatisches Kompendium» anthropomorphisiert beherzt Pfauen, Tauben, Puten, Spatzen, indem sie ihnen sprachlich raffinierte, vogelgesellschaftskritische Szenen aufs Federkleid schreibt. Anja Michael Wohlfahrt inszeniert die...
Karlheinz Braun, 1932 in Frankfurt am Main geboren und dort noch immer lebend, hat sein Herz und sein Leben dieser Stadt, ihren Theatern und Kultureinrichtungen geöffnet und es als junger Regisseur und Schauspieler, dann als Leiter des Theaterverlags Suhrkamp und schließlich als Gründer und Delegierter des Theaterverlags der Autoren ganz an seine Autoren verloren....
In «Live Long and Prosper», einem ihrer selbst kreierten, produzierten und gedrehten Filme, heißt die Anweisung an einen der sieben Mitspieler: «closer to». Näher zu was? Zu sich selbst, zu der im Spiel leichthin erreichbaren Wirklichkeitserfassung, zum Ernst des Lebens, zum Abstand zwischen Kunst und Realität? Die Gruppe Gob Squad streift scheinbar planlos durch...
