Berlin: Klosterfrau Tragödiengeist

Hölderlin nach Sophokles «Ödipus der Tyrann»

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Zu Beginn ein gut halbstündiges, aufwändiges Herumwirtschaften in düsteren Räumen. Offenbar handelt es sich um Nonnenalltag in einem Kloster: stumme Szenen mit Krankenpflege, Mittagessen, Arbeit im Salatbeet. Alles minutenweise aufblitzend, nur schemenhaft sichtbar hinter halbdurchsichtigem Vorhang, unterbrochen von großem Kulissen-Geschiebe und Gerenne der zahlreichen, auch bühnentechnisch aktiven Gläu­bigenschar. Was für ein Vorspiel: Die Schaubühne muss ein sehr reiches Theater sein.

Dann findet Mutter Oberin (Angela Winkler) unter dem lockeren Bettbein einer verstorbenen Mitschwester ein Buch, drückt es zu Tode erschrocken und weltlich ergriffen an die Brust und liest den Titel: «Ödipus!» Schon im nächsten Bild lesen wir mit: Im nun hellen leeren Raum erscheint die Tragödie ganz aus dem Geist der Klosterfrau.

Das Personal entspricht dabei ihrer täglichen Andacht: Es erscheint die heilige Familie in interessanter Rollenverteilung. Deutlich erhöht mit Segnungsgeste an der Rückwand Ursina Lardi als imperialer Jesus mit dem Text von Ödipus; im weiten Raum vor ihr erscheinen ein Petrus mit Schüssel als Kreon (Jule Böwe), eine huldreich hingegossene Jungfrau Maria als Jokaste (Iris ...

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Theater heute Mai 2015
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Franz Wille

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