Wien: Wie gewonnen, so zerronnen
Gott heißt Otto und schläft im Nebenzimmer. Gemeinsam mit seiner Frau Anna (Margarethe Tiesel) betreibt er eine Pension mit vier Dauermietern. Der pensionierte Literaturprofessor Ewgenij Goldwasser (Steffen Höld) wohnt hier, die daueralkoholisierte Kneipenmusikerin Gratsche (Myriam Schröder), die Grundschullehrerin Matuschka (Nicola Kirsch) und der Angestellte Paul (Gideon Maoz). Das Setting und die russischen Namen lassen «Nachtasyl» assoziieren, der absurde Parabelcharakter «Warten auf Godot». Dass es sich bei Herrn Godot um Gott handeln könnte, wird bei Beckett nie ausgesprochen.
Hier steht es wenigstens in der Szenenbeschreibung («Ach ja: Herr Otto ist Gott»), aber natürlich tritt auch Herr Otto nie auf.
Mit «Geronnene Interessenslage» hat der 1983 geborene Hamburger Clemens Mädge 2012 das vom Schauspielhaus vergebene Hans-Gratzer-Stipendium gewonnen. Im letzten Moment, kurz vor Ende der Direktion Andreas Beck, ging nun auch die damit verbundene Uraufführung über die Bühne, wobei Regisseur und Bühnenbildner Robert Borgmann erst gar nicht versucht hat, das enigmatische Drama zu entschlüsseln. Im Gegenteil: Seine extrem zeichenhafte Inszenierung macht das Stück noch ...
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Theater heute Mai 2015
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Wolfgang Kralicek
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Wenn junge Schauspielerinnen ans Burgtheater engagiert werden, fangen sie üblicherweise erst einmal klein an. Oder sie spielen klassische Jungschauspielerinnenrollen wie Julia oder Luise. Stefanie Reinsperger, damals noch 26, debütierte vergangenen September mit dem fünfzehn Minuten langen Solo eines «schwarzen Negers aus Somalia», der sich wegen Piraterie vor...
Es ist nur ein Katzensprung vom Wiener Burgtheater am prachtvollen Universitätsring zur nicht weniger prachtvollen Votivkirche am Rooseveltplatz, die im Dezember 2012 von einer Gruppe von Asylbewerbern besetzt wurde. Von hier aus führten sie ihren Kampf um Anerkennung und gegen Abschiebung – ein größtenteils erfolgloser Kampf. Elfriede Jelinek nahm das «Refugee...
