Berlin: Im irdisch’ Jammerspital
Einmal wird es an diesem Abend richtig komisch: Da schiebt sich Kay Bartholomäus Schulze als Bruder des eingebildeten Kranken in den klinikweiß gekachelten Bilderrahmen, den Bühnenbildner Olaf Altmann zentral über den Schaubühnenbrettern schweben lässt. Ein Embryo von einem Mann ist das, glatzköpfig, gesichtslos, ein Arm unter der mumienhaften Ganzkörperverklebung versteckt – die groteske Zurschaustellung dessen, was dem eingebildeten Kranken droht, sollte er sich auf jene Radikalkur einlassen, die ihm sein Hausmädchen Toinette in ärztlicher Verkleidung empfiehlt.
Wie viele Nächte muss Regisseur Michael Thalheimer Survival-Horrorgames à la «Resident Evil» gespielt haben für so eine herrliche Zombie-Schreckschrulligkeit?
Bei Molière ist dieser Bruder des begüterten Herrn Argan die Stimme der Vernunft, mit deren Hilfe der irr(ig)e Held von seiner aggressiven Hypochondrie geheilt wird – oder zumindest davon abgehalten wird, seine Tochter an den Sohn des erstbesten Quacksalbers zu verheiraten. Dass Thalheimer die Verhältnisse auf den bandagierten Kopf stellt und den Bruder nunmehr zum sinistren Schreckgespenst umdeutet, hat durchaus Methode. «Ist das erbärmlich, ich will nicht ...
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Theater heute März 2017
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Christian Rakow
Würde man das griechische Theater der Gegenwart als «Hamlet» spielen, dann wären Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris die ideale Besetzung für Rosenkranz und Güldenstern. Denn die beiden jungen bärtigen Männer sind grundverschieden und sich doch sehr ähnlich, sie sind immer freundlich, fast immer unterwegs, haben meistens einen Plan und sind sich nie ganz sicher...
1989 fanden in der Prager Nationalstraße Demonstrationen statt, die nach einigen Tagen in die sogenannte Samtene Revolution mündeten. Die einerseits das stalinistische Regime hinwegfegte, andererseits das Doppelstaatsgebilde Tschechoslowakei implodieren ließ und das Land einem radikalen Raubtierliberalismus aussetzte.
Besonders samten geht es bis heute zumindest...
Es war einmal in Bamberg. Da regierte ein Intendant sage und schreibe ein Vierteljahrhundert in einem Stadttheater. Ununterbrochen. Unangefochten. Als dieser Rainer Lewandowski 2015 dann tatsächlich aufhörte, wollte niemand so recht daran glauben. Man hatte sich in dem fränkischen, kulturerblich schwer und wunderschön belasteten Städtchen mit seiner einzigartigen...
