Berlin: Ein Mann mit Zukunft
Das Liebesmodell dieses Monsieur Alceste ist schnell erklärt: Die Angebetete soll in eine Art Privatbesitz verwandelt werden, von der Welt weggesperrt in klösterliche Zweisamkeit zur Steigerung des eigenen männlichen Selbstwertgefühls. Die amouröse Vortrefflichkeit des akkurat graugekleideten, etwas steifen älteren Herrn, der sich selbst für unwiderstehlich hält, erschließt sich äußerlich nicht unbedingt. Und auch die inneren Werte halten auf den zweiten Blick kaum stand.
Ulrich Matthes’ Alceste behauptet zwar im eitel komplimentbereiten, höfisch-höflichen Umfeld unbedingte Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, nutzt diese tugendhaften Eigenschaften jedoch vor allem dazu, andere herunterzuputzen. Und unterstreicht damit nur, dass bei seinem Alceste die Eigenliebe jedes Gefühl für andere Menschen bei weitem übersteigt.
Regisseurin Anne Lenk entblättert im Berliner Deutschen Theater mit Molières «Menschenfeind» ein berückendes Männerpandämonium und blickt den Herren der Schöpfung tief in ihr selbstsüchtiges Herz. Auf schmaler Rampenbühne, umschlossen von gummibandflexiblen Wänden (Florian Lösche), zeigen die zahlreichen anwesenden Salonlöwen nur zwei Seiten derselben Medaille: ein ...
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Theater heute Mai 2019
Rubrik: Chronik, Seite 64
von Franz Wille
40 ist die Panikgrenze. Diese 40, in Worten «fourty», flammt weiß und drohend über der dunklen Bühne auf: Wer jetzt kein Kind hat, macht sich keines mehr, lautet der Subtext dieser harmlosen Ziffern, der Frauen bis heute eingeimpft wird. Das ist biologistisch und in Zeiten von «Social Freezing» nicht mehr ganz aktuell. Doch bei Casting-Agentin Anna hat es...
Wer hätte gedacht, dass das zivilisatorische Erfolgsprojekt, in dem für manche schon vor 30 Jahren das Ende der Geschichte erreicht war, so schnell in Gefahr sein würde, sich selbst zu zerlegen? Der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug westlichen Lebensstils, individueller Freiheit und liberaler Demokratie hat offenbar mehr Sollbruchstellen als gedacht, die unter...
Zum Glück geht Gott nicht ins Theater. Er wäre einigermaßen entsetzt, wie heruntergewirtschaftet seine Schöpfung ist. Er hatte zwar nur sieben Tage Zeit, die Welt zu erschaffen, trotzdem verdient er nicht, was ihm der Hamburger Dramatiker Wolfram Lotz da in seinen beiden Hörspielen «Das Ende von Iflingen» und «In Ewigkeit Ameisen» (beide 2007 verfasst), die nun im...
