Berlin: Ein Mann mit Zukunft
Das Liebesmodell dieses Monsieur Alceste ist schnell erklärt: Die Angebetete soll in eine Art Privatbesitz verwandelt werden, von der Welt weggesperrt in klösterliche Zweisamkeit zur Steigerung des eigenen männlichen Selbstwertgefühls. Die amouröse Vortrefflichkeit des akkurat graugekleideten, etwas steifen älteren Herrn, der sich selbst für unwiderstehlich hält, erschließt sich äußerlich nicht unbedingt. Und auch die inneren Werte halten auf den zweiten Blick kaum stand.
Ulrich Matthes’ Alceste behauptet zwar im eitel komplimentbereiten, höfisch-höflichen Umfeld unbedingte Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, nutzt diese tugendhaften Eigenschaften jedoch vor allem dazu, andere herunterzuputzen. Und unterstreicht damit nur, dass bei seinem Alceste die Eigenliebe jedes Gefühl für andere Menschen bei weitem übersteigt.
Regisseurin Anne Lenk entblättert im Berliner Deutschen Theater mit Molières «Menschenfeind» ein berückendes Männerpandämonium und blickt den Herren der Schöpfung tief in ihr selbstsüchtiges Herz. Auf schmaler Rampenbühne, umschlossen von gummibandflexiblen Wänden (Florian Lösche), zeigen die zahlreichen anwesenden Salonlöwen nur zwei Seiten derselben Medaille: ein ...
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Theater heute Mai 2019
Rubrik: Chronik, Seite 64
von Franz Wille
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«Sex». So hat Anne Imhof die Schau genannt, die sie für das Performance-Festival der Tate Modern an Londons Themse-Ufer entworfen hat. Weil sie Einsilber mag, die weite Assoziationsräume öffnen. Wer ihre dreiteilige «Oper» namens «Angst» von 2016 kennt oder 2017 auf der Biennale in Venedig den «Faust» im deutschen Pavillon besucht hat (für den sie den «Goldenen...
