Ausbruch aus dem Handwerk

«Willkommen im Theater»: Der Schauspieler Johannes Hegemann hat sich am Hamburger Thalia Theater einen Ruf als verlässlicher Ensemblediener erspielt. Und steht jetzt vor dem nächsten Entwicklungsschritt

Theater heute

Herr Kimidori ist freundlich. Herr Kimidori ist Angestellter in einem Konferenzhotel und für die Figuren in Toshiki Okadas «Doughnuts» am Hamburger Thalia Theater ist er die einzige Verbindung nach draußen. Johannes Hegemann spielt diesen Herrn Kimidori als zwiespältige Figur: einerseits als jemanden, der hilft, wo er kann, und der, als das Unheimliche ins Hotel einbricht, auch tatsächlich patente Unterstützung anbietet. Und andererseits als jemand, bei dem man sich gar nicht sicher ist, ob er womöglich mehr weiß über die angedeuteten Verunsicherungen.

Bei dem man sich fragt: Vielleicht ist er ja die Bedrohung, in all seiner Freundlichkeit? 

Johannes Hegemann ist freundlich. Ein junger Mann, kantige Gesichtszüge, wache Augen, reizende Locken, den übertrieben hipsterigen Oberlippenbart, mit dem man ihn zuletzt sah, hat er sich abrasiert. Im Ensemble des Thalia Theaters sucht er auch nach zwei Jahren noch nach seiner Position, ist talentierter Nachwuchs und Nebenrollenspieler. Und er ist der Schauspieler, der sich in der großen Überraschung der Saison, in «Doughnuts», in den Mittelpunkt spielte, weswegen sechs Kritiker:innen ihn bei der Theater-heute-Umfrage vergangenen Monat als «Nachwuchsschauspieler des Jahres» kürten (plus zwei weitere Stimmen, die ihn schon als «Schauspieler des Jahres» sahen). 

Geboren ist Hegemann 1996 in Jena als Sohn eines Arztpaares, das Anfang der Nullerjahre mit ihm nach Zürich übersiedelte. «Als Siebenjähriger kann man schlecht sagen: Ich komm’ nicht mit.» Was einen kleinen Hinweis darauf gibt, wie sehr er mit seiner neuen Heimat Schweiz fremdelte. Und doch erst mal dablieb, nach einer Kindheit, in der das Theater zwar irgendwie präsent war, aber nie im Zentrum stand. «Erst mit 17 habe ich mein erstes richtiges Stück mit dem Jugendklub in Zürich gemacht», erzählt er, «und so kam ich in diese Szene rein. Aber ab dann ging es wahnsinnig schnell, mit 18 habe ich in der Freien Szene gespielt und da erfahren, dass man das wirklich studieren kann. Ich hatte davon überhaupt keine Ahnung.» Worauf er sich über die gängigen Ausbildungsstätten informierte – und erfuhr, dass er die Fristen in Berlin, München, Wien für das nächste Semester schon verpasst hatte. Ausnahme: die Zürcher Hochschule der Künste. Hochangesehen, aber eben leider weiterhin Zürich. Dabei wollte Hegemann doch einfach weg.

Ostschule, Osthandwerk, Ostregisseur

Ein paar Semester blieb er also, um dann zu wechseln. Nach Rostock, an die Hochschule für Musik und Theater, praktisch das Gegenprogramm zur Zürcher Schule, die er damals vor allem in einer Phase der Orientierungslosigkeit und des Neuerfindens wahrgenommen hatte. In Rostock dagegen: ganz klassische Ausbildung, Handwerk. «Ostschule», wie er es ausdrückt. Das hier gepflegte Handwerksethos ist etwas, mit dem man Hegemann fassen kann: «Schauspiel ist sicher nicht nur Handwerk. Aber es ist auch Handwerk, und mir zumindest hilft es.» Inwiefern? «Das heißt nicht, dass man nach Schema F vorgeht. Sondern eher, dass man an seinem Instrument, also seinem Körper und seiner Stimme, eine gewisse Sicherheit findet. Handwerk ist für mich, wenn man mit einem Instrument gut umgehen kann.» Aber weil Hegemann nicht nur ein Handwerker ist, sondern auch einen Sinn für Ironie hat, schiebt er grinsend nach: «Der Körper als Instrument! Das klingt so schrecklich schauspielermäßig!»

Teil der Ausbildung in Rostock ist das sogenannte Studiojahr – vier Studierende bekommen die Möglichkeit, noch vor dem Abschluss ins Ensemble am Staatstheater Schwerin zu gehen. Und in Schwerin stieß Hegemann auf jemanden, der das ostdeutsche Theaterhandwerk zwischen guter Ausbildung und querköpfiger Widerständigkeit nahezu mustergültig verkörpert: auf Milan Peschel, bei dem er in Heiner Müllers «Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande» spielte. Oststadt, Ostregisseur, Oststoff. «Ich bin relativ einfach, ohne viele Krisen und Zweifel, durch die Schauspielschulzeit gekommen», erzählt Hegemann vom Probenprozess. «In Schwerin hab ich dann gemerkt, dass am Theater doch ein anderer Wind weht als an der Schauspielschule. Zum Beispiel in der Arbeit mit Milan Peschel, das war ein toller Regisseur, aber es war trotzdem hart, es war einfach ein ganz anderer Ton. Hallo, willkommen im echten Leben! Willkommen im Theater!» Vielleicht ist das typisch für diesen Schauspieler: dass er die Theaterpraxis mit dem echten Leben identifiziert. 

Dennoch blieb Schwerin nur eine kurze Episode. Eigentlich hätte das Studiojahr eine ganze Spielzeit dauern sollen, aber Corona-Pandemie und der folgende Lockdown verhinderten weitere Premieren. Worauf Hegemann 2020 nach Hamburg ans Thalia wechselte, nicht als Entdeckung, sondern ganz unspektakulär per Bewerbung und Vorsprechen. Und dort erst einmal mit einer ungeliebten Aufgabe betraut wurde: Er spielte in einer Wiederaufnahme, in Anne Lenks Dramatisierung von Finn-Ole Heinrichs Jugendroman «Räuberhände», einem sieben Jahre alten Dauerbrenner im Thalia-Repertoire. Seine Rolle hatte zunächst Sven Schelker gespielt, später Bekim Latifi. Für die Wiederaufnahme war Regisseurin Lenk nicht mehr vor Ort, betreut wurde die Arbeit von einem Regieassistenten, der allerdings ebenfalls erst später zur Produktion gestoßen war. Gnadenlos ins kalte Wasser wurde der Ensemble-Neuzugang geschubst. «Die haben mir vor dem Sommer Bescheid gesagt, dass ich das übernehmen soll, haben mir ein 45-seitiges Textbuch in die Hand gedrückt, viel Spaß beim Lernen. Und dann habe ich mir Videos der Inszenierung angeguckt und Text gelernt.» Aber ein ordentlicher Handwerker kämpft sich durch sowas durch. «Am Anfang ging es nur darum, da irgendwie durchzukommen, den Text ohne größere Hänger aufs Parkett zu bringen. Aber wenn ich das so oft spiele, dann wird es immer mehr zu meinem, und neulich hatte ich einen Abend, da haben mir meine Kollegen gesagt: Jetzt hast du diese Rolle zu deiner Figur gemacht.»

Das Team glänzen lassen

Überhaupt, die Kollegen. Hegemann lobt den Ensemblegeist am Thalia, von Anfang an sei er ohne jede Arroganz aufgenommen worden, und gerade die «Räuberhände»-Kolleg:innen Sandra Flubacher und Patrick und der im Gegenzug dem Ensemble etwas zurückgibt. Keiner, der sich in den Vordergrund spielt, sondern jemand, der das Team glänzen lässt. Das prägte auch seine folgenden Auftritte: als Claudio in Stefan Puchers «Maß für Maß», als Rodolfo in Hakan Savas Micans «Blick von der Brücke», einer psychologisch feinen, etwas untergegangenen Arbeit, in der die dargestellte Figur eine Katastrophe in Gang setzt, praktisch ohne etwas zu machen. Dieser Schauspieler kann sich zurücknehmen, doch als er kurz darauf schon wieder in einer zurückgenommenen Rolle besetzt werden sollte, rebellierte er ein wenig: Berzoldo in Kornél Mundruczós Inszenierung von Hanoch Levins Szenenfolge «Krum» ist ein Klischee, dessen Handlungen kaum Einfluss auf die Handlung haben, weswegen Hegemann es mit Übertreibung versuchte. «Ich war am Anfang ein bisschen enttäuscht über die Rolle, weil ich dachte: Das ist gar nichts. Das sind ein paar Sätze, noch dazu auf Italienisch und wahnsinnig klischiert – ich habe mich ständig in den Vordergrund gespielt und Sachen angeboten, um irgendwie vorzukommen.» Dass der Abend doch noch funktionierte, lag schließlich daran, dass er eben als Ensemblestück funktionierte, in der auch ein flügelschlagender Berzoldo seinen Platz finden konnte.

Bock auf Exzess

Ein erster Ausbruch aus dem Ensembledienertum war dann das zum Theatertreffen eingeladene «Doughnuts», Toshiki Okadas neo-absurde Studie über High Performer, die im Luxushotel festsitzen und von Hege -manns Hotelangestelltem professionell und ein bisschen beunruhigend umsorgt werden. «Mein Wunsch war, den Herrn Kimidori ein bisschen geheimnisvoll und irgendwie shady zu machen. Der sagt ja eigentlich immer nur, dass das Taxi nicht kommt, aber da steckt etwas Merkwürdiges dahinter.» Plötzlich ist er kein Teil einer Gruppe mehr, plötzlich ist er außen vor und treibt die Entwicklung voran. Und womöglich deutet sich in Herr Kimidori ein nächster Karriereschritt für Johannes Hegemann an, als jemand, der eben nicht nur das Ensemble unterstützt, sondern auch weiter vorn bestehen kann. 

Nur wie? Das ist noch nicht ganz klar. Wirklich exzessiv sah man Hegemann noch nicht spielen, aber vielleicht wäre das eine ganz interessante Entwicklung? Er jedenfalls möchte sich nicht in die Schublade des immer Zurückgenommenen einsortieren lassen: «Ich würde sagen, ich hatte vielleicht noch nicht die Gelegenheit zum Exzess. Aber Leute, die mit mir studiert haben, dürften das anders sehen – also, ich kann mir schon vorstellen, auch das zu geben.» Nicht dass er bewusst den Ausbruch und die Grenzüberschreitung suchen würde, grundsätzlich steht sein Spiel immer im Dienst der Gesamtinszenierung, aber: «Ich beschäftige mich erst einmal viel kleiner: Wie kriege ich den Text hin, wie kann ich meine Figur irgendwie behaupten? Wie verhindere ich, dass ich sie verrate, wie gebe ich Wichtigkeit und Facettenreichtum? Da interessiert mich nicht von Anfang an der Exzess. Aber der kommt manchmal, wenn man so richtig Bock kriegt.»


Theater heute 11 2022
Rubrik: Akteure, Seite 26
von Falk Schreiber

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