Aus alt mach neu
Selten findet sich im Titel ein schöneres Understatement als bei Christopher Marlowes vorletztem Stück. «The Troublesome Reign of Edward II.» war nicht nur ein bisschen troublesome, also schwierig, sondern ein komplettes Desaster. Denn der König hielt sich weniger mit Regieren auf als mit seiner schwulen Liebe zu einem gewissen Gaveston. Was in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften unter Privatsphäre fällt, die höchstens ein Problem im Terminkalender macht, war zu elisabethanischen Zeiten nicht so einfach.
Erstens hatte so ein König damals qua Gottesgnadentum keine so ohne Weiteres abteilbare Privatsphäre, und zweitens war sein Staat – der englische besonders – eine höchst wackelige Angelegenheit aus Allianzen, Loyalitäten und Verschwörungen rivalisierender Adeliger, die ein Herrscher steuern und ausbalancieren musste. Da sollte man seine Earls und Counts weder unnötig verärgern noch seine Tage mit dem Geliebten auf Blumenfesten verturteln. Die reine Liebe wurde schnell gefährlich.
Ewald Palmetshofer findet das verständlicherweise bedauerlich. Seine Marlowe-Nachschrift «Edward II. Die Liebe bin ich» versucht dem Untergang des liebeskranken Königs eine tragische ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Franz Wille
Recherchen in einem nicht mehr existierenden Staat: Die kubanischen Autoren Marcos Antonio Diaz Sosa und Rogelio Orizondo Gomez kamen im vergangenen Jahr nach Jena, um nach Spuren ihrer Landsleute zu suchen, die in der ehemaligen DDR als Vertragsarbeiter lebten. Das hätte eigentlich spannende Ergebnisse und Einblicke geben können, Antworten vielleicht nicht zuletzt...
Als neugierig lauernde Kollegen, Nachbarinnen und Passanten, als geisterhafter Sichtschutz fürs Bettgeflüster im Schwarzlicht, als Insignien für Berufs- und Kontostand – die Kostüme spielen die Hauptrolle in Anne Lenks Inszenierung von «Kleiner Mann – was nun?» am Theater Augsburg. Gut 120 Anzüge, Blümchenkleider, Kittel, Uniformen und Mäntel lässt Bühnen- und...
Die Psychiatrie als Spiegel der Gesellschaft, das ist das aufklärerisch kämpferische Grundmotiv in «März» von Heinar Kipphardt. Kipphardt weiß, wovon er schreibt Anfang der 50er Jahre hat er selbst als Psychiater an der Charité gearbeitet. Angelehnt an die reale Geschichte des Psychiatriepatienten Ernst Herbeck drehte er 1975 den preisgekrönten Fernsehfilm «Leben...
