Augsburg: Uhrwerk Orest
Blut ist eine hartnäckige Flüssigkeit. Es klebt an Körpern und Kleidern, macht zuverlässig ein schlechtes Gewissen und will, einmal vergossen, einfach nicht aus der Welt verschwinden. Es wird weitergetragen, von Generation zu Generation: Blut ist dicker als Wasser, und seine Verwandten kann man sich nun mal nicht aussuchen.
Das gilt auch für Orest, den letzten Sprössling der Mördersippe im Hause des Atreus. Der Opa? Hatte seinem Bruder aus Eifersucht dessen Kinder zum Mahl vorgesetzt.
Der Vater? Schlachtete seine Tochter Iphigenie, um im trojanischen Krieg die Götter zu besänftigen. Die Mutter? Tötet ihren siegreich zurückgekehrten Mann, um die Tochter zu rächen. Schlechte Voraussetzungen für die nächste Familienfeier also, aber auch schlechte Nachrichten für Griechenland. Wie soll dieses Gemetzel jemals eine Gesellschaft hervorbringen?
Aischloys’ «Orestie» erzählt von dieser Gewaltspirale, von hinterfotzigen Morden und erblicher Blutschuld. Sie erzählt aber auch von einem Ausweg: dem Rechtsstaat, der die Justiz der Selbstjustiz vorzieht. Aber bis es soweit ist, darf das Blut spritzen. Regisseur Wojtek Klemm hat die Splatter-Orgie am Staatstheater Augsburg filmischen Vorbildern ...
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Theater heute November 2018
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Anton Rainer
Der verrückte Ignaz» – so unterschrieb Ignaz Kirchner seine Postkarten, die er ohne konkreten Anlass oft an mich sandte. Es waren poetische Zurufe mit dem Bild eines Dichters meist und mit einer pointierten Weisheit, die Ignaz verkündet wissen wollte. Immer wieder mit Sätzen von Dichtern, die er gerade für sich entdeckt und ergründet hatte, für die er mit seinen...
«Die Sonne Satans schien vom Meer her, das man nicht sah, aber roch.» Das ist so ein Fritz-Kater-Satz von poetischer Wucht, ein Satz in den schon all das Grauen eingeschrieben ist, das das Mädchen (Mirjam Rast) erleiden wird, im Wäldchen, wo der Vergewaltiger (Manolo Bertling) wartet. «Die Sonne Satans», das ist der Hamster, den der Angreifer dem Mädchen schenkt,...
Vor drei Jahren reiste ich aus der Antwerpener Troubleyn-Factory mit Übergepäck wieder ab. Der Avantgardekünstler und Choreograf Jan Fabre und seine Assistent*innen hatten mich in den anderthalb Tagen Probenbesuch für die Marathon-Inszenierung «Mount Olympus» mit einem ganzen Stapel von Ausstellungskatalogen und Werkdokumentationen überhäuft; einen von ihnen hatte...
