Aufstand der Schnittbrote
Der Diversity-Diskurs hat das Wiener Burgtheater erreicht: Eine der sieben lebensgroßen, täuschend echt aussehenden Lipizzanerskulpturen, die Katrin Brack auf die Greenscreen-Bühne des Akademietheaters gestellt hat, ist braun. Vielleicht ist das Tier noch nicht ganz «ausgeschimmelt» (die meisten Lipizzaner werden erst mit rund sechs Jahren richtig weiß), vielleicht gehört es zu der neunprozentigen Minderheit, die sich ohnehin nie in einen Schimmel verwandeln und deshalb in der Hofreitschule nichts zu suchen hatten.
Wie auch immer, die bühnenbildnerische Anspielung auf das kaiserliche Ausbildungspferd der Habsburgermonarchie wird gegen Ende von René Polleschs gefühlt siebzigster Eigeninszenierung noch einmal aufgegriffen, und zwar mit Blick auf die fünf Elitespieler*innen des Burgtheaters, die rund anderthalb Stunden auf den Rücken oder zu Hufen der Zuchttiere posieren.
Schickimicki gegen das Vergessen
«Deponie Highfield» kehrt immer wieder zu der Kathrin Angerer in den Mund gelegten Beobachtung zurück, dass sie ihre große Liebe zwei Tage nach der Trennung schon wieder restlos vergessen habe. Ums Vergessen oder vielmehr Bewahren kreist auch die Wissenschaftskritik der ...
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Theater heute Juli 2019
Rubrik: Neue Stücke, Seite 20
von Eva Behrendt
Die zweitstärkste Szene dieser belgisch-deutsch-irakischen Rumpf-«Orestie» ist nur auf Video zu sehen: Der legendäre, weil Demokratie- und Rechtsstaat begründende Schluss von Aischylos’ Trilogie sieht für das Ende der ewigen Gewalt einen recht knappen Ausgang vor. Bei der Abstimmung, ob Orest für den Rachemord an seiner Mutter Klytaimnestra verfolgt oder begnadigt...
Wie Premierminister Viktor Orbán in einer Rede im vergangenen Sommer stolz betonte, ist das Theater eine der populärsten Kunstformen in Ungarn. Nach jüngsten Statistiken wurden in dem Land mit zehn Millionen Einwohnern fast acht Millionen Tickets verkauft; im Jahr 2010 waren es nur 4,4 Millionen. Es ist allgemeiner Konsens, dass die Einführung einer neuen Steuer...
Sieht ein bisschen so aus, als würden jetzt gleich «Glückliche Tage» beginnen, und im nächsten Moment müsste Winnie sagen: «Wieder ein himmlischer Tag.» Die Schauspielerin Ulrike Arnold sitzt in der Mitte der Bühne des Nürnberger Schauspielhauses, leicht erhöht und eingehüllt in einen seidenen Vorhang, der sich über die gesamte Fläche ergießt und auf allen Seiten...
