Aufgaben für die Zukunft des Balletts

Das klassische Ballett muss Fragen beantworten: nach seinen diskriminierenden Praktiken, seinen Körperidealen, seinen orientalistischen Stoffen. Was wäre die Antwort: Regietheater oder Rekonstruktion?

Theater heute - Logo

Unruhig schleicht der Tänzer um die Bühne, wo Tänzerinnen und Tänzer ihre Kostüme aus den Kisten holen und das Bühnenbild langsam aufgebaut wird. Nervös und ungeduldig beobachtet er, wie das Ballett, eine Rekonstruktion von Jean Börlins «La création du monde» von 1923 für die Ballet Suédois in Paris choreografiert und uraufgeführt, vor ihm eingerichtet wird.

Millicent Hodson und Kenneth Archer haben den Klassiker der Moderne in der konstruktivistischen Ausstattung des Künstlers Fernand Léger und dem Libretto des Dichters Blaise Cendrars im Jahr 2000 für das Grand Théâtre in Genf rekonstruiert. 

Erst am Ende erfahren wir, warum der afrikanische Tänzer derart nervös an der Rampe auf und ab ging. Wie nach der Vorstellung deutlich wird, hat ihn das Geschehen hochgradig irritiert. Djodjo Kazadi, so heißt die Figur, hinter der sich das Alter Ego des Künstlers Faustin Linyekula verbirgt, protestiert gegen die Auslöschung seiner Identität als Kongolese, die er heute nur noch durch den kolonialen Blick der Westeuropäer und deren Imagination betrachten kann. Er mokierte sich mit einer Karikatur des populären «Black Bottom»-Tanzes über die europäische Sicht auf afrikanischen Tanz und auf ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Zeitenwende, Seite 56
von Gerald Siegmund

Weitere Beiträge
Eine unglückliche Utopie

Woran krankt die Welt, an was mangelt es ihr? Wie ist sie zu stillen, die Sehnsucht nach einem besseren, wirklichen Leben? Und ist es möglich, einfach von vorne zu beginnen, mit neuen Normen, einer neuen Sprache? 

Es sind die großen Fragen, die Fiston Mwanza Mujila in seinem jüngsten Stück «Der Garten der Lüste» verhandelt, einem Auftragswerk für das Deutsche...

Freiheit und Schmerz

Matthew Lopez' zweiteiliges Bühnenepos «Das Vermächtnis», inspiriert von Motiven aus E. M. Forsters 1910 erschienenem Gesellschaftsroman «Howards End», beginnt mit dem, was jedem Erzählen vorausgeht. Am Anfang ist der Drang – ein Impuls, eine durch und durch körperlich empfundene Regung. Noch vor dem ersten Wort drängt etwas, drängt zu erzählen. Und so tasten sich...

Denkprozesse in Gang setzen

Telegram Chatgruppe von punktlive am 23.5.21 Members: 
Cosmea Regie, Berlin 
Lotta Liveschnitt & Assistenz, Wien 
Leo Technische Konzeption, Freiburg 
Sofie Produktion, Stuttgart 
Jonny Schauspiel, Bochum 
Flo Schauspiel, Augsburg 
Klara Schauspiel, Wiesbaden, für die Dauer des Chats aber in Griechenland im Urlaub 

Cosmea hey Leude, Theater heute hat gefragt ob...