Auf Umwegen ins Ziel
Zu Peer Gynt, hier entlang. Also gut. Machen wir es wie der Titelheld. Nehmen wir den Umweg. Peers Selbstfindungstrip führt von Solveig über Marokko und die halbe Welt zurück zu Solveig. Uns Zuschauer leitet ein Schilderparcours hinter die Große Bühne, hinein in den Basler Theaterbauch, mitten in Peer Gynts Industrieheimat. Dort, im Blaumannland, wo ein Gasrohr wie ein Minarett gen Himmel sticht (Bühne Maria-Alice Bahra), knechten Ibsens Dorfbewohner, eine verzerrte Muezzinstimme ruft per Lautsprecher zum Schichtwechsel. Alle sind Arbeitsbienen. Nur einer nicht. Peer Gynt.
Der hoppelt herbei, ein Ritter in Papprüstung auf eingebildetem Streitross, ein Rotzbengel im Körper eines 20-Jährigen. Haltung schlaff, Wampe beträchtlich, Charisma null, Sex-Appeal dito. Mit dem Mut zur Witzfigur verscheucht Aljoscha Stadelmann sämtliche Naturburschenklischees gleich im ersten Auftritt. Das ist kein Peer Gynt, der im Geiste mit den Adlern fliegt. Ein Maulheld, ja, aber einer mit Stummelzähnen. Ein Träumer, vielleicht, aber seine Träume klingen arm und vernuschelt. Und die hoffnungslos überforderte Mama Aase klemmt das fettige Haar hinters Ohr und sitzt das Leben in der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
So sehen pubertäre Träume aus: Die eigene Mutter vor einer großen Menschenmenge bloßstellen mit bohrenden Fragen nach ihrer Kindheit im Nationalsozialismus; auf ein monströses Eisernes Kreuz steigen und mit gestrecktem Arm «Heil Hitler!» ins Volk brüllen; und schließlich mit der Macht des Mikrofons ausgestattet raunende Welt- und Selbsterklärungen an staunende...
Ich wollte unbedingt etwas mit dem Theater zu tun haben», sagt sie, und dass sie sich immer mal wieder frage, ob sie statt Theaterstücken nicht doch Romane schreiben soll. Mit dem Theater hat sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr zu tun, als sie in einem Züricher Jugendclub spielte und irgendwann zusammen mit Freunden auch kleine Theatertexte entwickelte. Jetzt,...
Ich bin keine Dichterin. Nein.» Schon nach den ersten fünf zappendusteren Worten ist klar: Dies wird ein letzter Bericht, ein Requiem, ein Testament. Sophie Rois, die Castorf-Diva und Pollesch-Heroine, liest Gertrud Kolmars «Susanna», eine Erzählung, die die 1943 in Auschwitz ermordete Autorin drei Jahre vor ihrem Tod in einem Berliner Arbeitshaus schrieb, und sie...
