Regentin der eigenen Geschichte
Ich bin keine Dichterin. Nein.» Schon nach den ersten fünf zappendusteren Worten ist klar: Dies wird ein letzter Bericht, ein Requiem, ein Testament. Sophie Rois, die Castorf-Diva und Pollesch-Heroine, liest Gertrud Kolmars «Susanna», eine Erzählung, die die 1943 in Auschwitz ermordete Autorin drei Jahre vor ihrem Tod in einem Berliner Arbeitshaus schrieb, und sie liest sie «mit grauendem Scheitel, zermürbter Stirn und Tränensäcken unter den müden Augen».
So beschreibt sich die Ich-Erzählerin, eine «alternde Erzieherin», die auf gepackten Koffern sitzt und auf die Ausreise aus Deutschland hofft.
Eine Todesanzeige löst in ihr die Erinnerung an Susanna, eine «leicht gemütskranke» junge Frau aus, zu deren Betreuung sie vor elf Jahren engagiert wurde. So durchlebt die Erzählerin noch einmal ihre Ankunft und Zeit in der ostjüdisch geprägten, winterlich kargen Provinz, die sich durch Susannas ungewöhnliche Vorstellungskraft in eine opulente Fantasiewelt verwandelt, in der sie Prinzessin und Tier zugleich ist, mit Hunden und Fischadlern redet, in der sich Pelzstiefel in tanzende Bären verwandeln und ihr Geliebter über die Meere herrscht.
Natürlich liest Sophie Rois die Erzählung nicht ...
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