Auf innerer Forschungsreise

Kämpfen, flirten, immer wieder lernen: Wie sich die Schauspielerin Julia Wieninger am Schauspiel Köln in ihre Figuren vertieft

Theater heute - Logo

Julia Wieninger steht in einer Küche mit Umzugskartons und spielt Julia Wieninger, die gerade nach Köln gezogen ist. Sie erzählt, wie sie Hanna auf der Straße vor dem Theater angesprochen hat, nach wochenlanger Suche in Büdchen, Museen und U-Bahnen. Und dann klingelt es an der Tür, Julia Wieninger verlässt die Bühne – und kommt als Hanna wieder herein.

Das Haar zum tiefhängenden Zopf gebunden, schnaufend, ein etwas unförmiger Pullover, aber vor allem: der plötzlich so gedehnte Sprachgestus, ein leicht zurückgelehnter Kopf, der auf einmal ein Doppelkinn ahnen lässt, die offene, in Augenhöhe gestikulierende Hand, die stets einen Deckel zu schließen scheint. Sie ist eine durch und durch andere. Zuerst befürchtet man, sie mache sich über Hanna lustig. Doch dann kommt es ganz anders. Selten konnte man so spektakulär der Verwandlung einer Schauspielerin zusehen wie in Alvis Hermanis’ «Kölner Affäre», uraufgeführt 2008, im ersten Jahr von Karin Beiers Intendanz in Köln. Ein großer kleiner Theaterabend darüber, dass die Poetisierung des Alltäglichen die einzige Hoffnung ist. Und man sie selbst in die Hand nehmen kann.
Wieninger war damals neu in Köln, es war nach jahrelanger freier Arbeit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2012
Rubrik: Akteure, Seite 36
von Dorothea Marcus

Weitere Beiträge
Das Schicksal des Klassikers

Wer inszeniert eigentlich noch Heiner Müller? Die Frage lässt sich erschreckend klar beantworten: Im April plant Nuran David Calis in Stuttgart «Der Auftrag», spielplanlogisch die Fortsetzung von «Dantons Tod» aus der letzten Spielzeit, und im November hatte Dimiter Got­scheff Premiere von «Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten» im Deutschen...

Vier mal vier – die Quadratur der Szene

Freies Theater» war mir lange eine eher Beklemmung auslö­sende Kategorie aus der Vergangenheit. Ich denke vor allem zurück an viel Unfreiwilligkeit. An Instandbesetzung und Beharrungsvermögen, an sehr lokale Phänomene unterhalb des Tellerrands, an basis–demokratische Gruppen mit der charmant-militanten Ausstrahlungskraft von Stadtteil- und Soziokulturprojekten. War...

Laues Lüftchen

Jean Genets Reaktion auf die Uraufführung 1957 am Londoner Arts Theatre legt nahe, dass Peter Zadek damals ziemlich prall und heftig inszeniert haben muss. Der Regisseur, so Genet, habe weder den Geist noch den Text des Stückes geachtet, und überdies erwecke die Inszenierung den Eindruck, er, also Genet, «sei ein Skandalma­cher und Pornograf». Donnerwetter, kann...