Auf die Palme
Der Prinz hat, nachdem er die Arme zu einer imaginären Umarmung geschlossen hat, seinen Hitz- und Kindskopf in den Sand gesteckt. Dorthin, wo aus einem Erdhaufen der eherne Arm einer gestürzten Siegesgöttin mit Lorbeerkranz hervorragt. Er ist fix und fertig – und wir mit ihm, kaum dass es für die nächsten dreieinhalb Stunden begonnen hat.
Da kann Torsten Flassig noch so ungestüm kaspern und sich embryonal am Boden einrollen, kann dem finster verstockten Papa knäbisch auf den Schoß klettern oder sich kuschelnd einen mächtigen Eisblock an die bloße Brust drücken, bis die Haut krebsrot glüht und seinen Mutwillen und die Freundschaftsgefühle für seinen Roderich herunterkühlt. Erledigt. So wie der noch emphatischer ins Leere aufschlagende Posa des Daniel Stock. So wie der in seiner Statur völlig verkantete und – gleich seiner von ihm später selbst zerdepperten Büste – eingegipste Dunkelmann Philipp (Jürgen Hartmann). So wie die kaum über den Rand ihrer Reifröcke hinausreichenden Damen Elisabeth (Julian Fisch) und Eboli (Minna Wündrich).
Regisseur Jan Neumann, der Friedrich Schillers dramatisches Gedicht über den Infanten von Spanien im Bochumer Schauspielhaus inszeniert, hat ...
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Theater heute Januar 2016
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Andreas Wilink
Das Erste, was wir von diesem Festival sehen, ist ein Penis. Der gehört zu einem Darsteller hinter einer Papp-Wand, von dem nur der Schwanz in einer runden Aussparung zu erkennen ist. Ein Spot beleuchtet das Geschlecht, das sich zwischendurch aufrichtet und dann wieder erschlafft. An der Bühnenrampe steht zeitgleich ein junger Mann vor einem Mikrofon, mit dem...
Aufführungen
Auf die Sitzwürste im neuen rauen Asphaltambiente der Berliner Volksbühne lädt Frank Castorf im Januar zu Hebbels mörderischer «Judith». Vordergründig zivilisierter geht es
vermutlich am Deutschen Theater zu, wenn Karin Henkel mit Eugène Labiches «Die Affäre Rue de Lourcine» hinter die Fassade des Bürgertums blickt. Am Gorki Theater hat sich
Hakan...
Jedes Jahr im November blühen die Winter-Astern und die Norén-Inszenierungen als letzter Trost vor der Dunkelheit, meist pünktlich zum Totensonntag. Norén ist ein obsessiver Schriftsteller, er schreibt über seine Obsessionen – Alkoholismus, Asozialität, Krankheit, Tod –, aber seine größte Obsession ist das Schreiben. Über 100 Stücke hat er schon geschrieben, 32...
