Auf der Suche nach der verlorenen Realität
Eine grüne Drehbühne, im Hintergrund eine runde Bildprojektion. Vorn ein Stehpult für die Hauptdarsteller: Erst spricht der Bundespräsident, dann die Kanzlerin und jetzt der Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Er dreht und wendet etwas linkisch das Manuskript, bevor er anfängt. Dafür gibt es vom gefüllten Auditorium des Badischen Staatstheaters Szenenapplaus. Er schmatzt und nuschelt ein wenig. Das kommt an. Das wirkt authentisch. Inmitten der vielen professionellen Redner, die an diesem Morgen, Ende September, aus Anlass des 60.
Geburtstags des Bundesverfassungsgerichts auftreten, spricht ein Experte des Alltags. Danach erneut Reden, Reden, Reden. Dann tritt eine Gerichtsdienerin ein und erklärt mit vielen Versprechern und in breitestem Badisch zunächst, wie sie Tag für Tag die Fahne hisst, dann, was folgt: «100 Prozent Karlsruhe». Die Versuchsanordnung von Rimini Protokoll führt in nuce das Volk vor. 100 Bürger verkörpern die statistische Zusammensetzung ihrer Stadt: Alte, Kinder, Lehrer, Topverdiener, Witwer, Geschiedene, Vereinsmeier, Parteisoldaten, Leute aus den Vororten, Menschen mit Migrationshintergrund. Wenn später die 100 Akteure sich in Grüppchen unter «ich» oder ...
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Theater heute Januar 2012
Rubrik: Theorie, Seite 42
von Nikolaus Müller-Schöll
Eine Erinnerung, verschwommene Bilder, die Stimme des sich erinnernden Mediums aus dem Off, während die Vergangenheit in einer von unendlich vielen subjektiven Versionen in verschwimmenden Bildern wieder auflebt. Ein klassischer Filmmoment, der durch die Montage der Bilder und Töne im Kino erfahrbar wird. Und tatsächlich auch der magischste Moment des Mainzer...
«Man kann einen Staat erst verstaatlichen, wenn er komplett bankrott ist» – diese aktuelle Sottise zur Euro-Krise stammt von Elfriede Jelinek und wurde 2008 geschrieben. Damals bezog er sich auf die Haftungsübernahme des österreichischen Staates für die wegen zweifelhafter Finanzaktionen in die Krise geratene Gewerkschaftsbank BAWAG. Jelinek hat mit «Die...
Mit 81 Jahren ist Wilfried Minks wieder da angekommen, wo er anfing. Er verbringt seine Zeit vor allem mit Zeichnen und Malen, so wie er es schon mit vierzehn und fünfzehn Jahren tat, nach der Vertreibung aus dem böhmischen Dorf Binai, fünfzig Kilometer nördlich von Prag (und fünfzig Kilometer südlich von Theresienstadt – von dem, was dort vor sich ging, wusste er...
