Auf der Suche nach der verlorenen Realität
Eine grüne Drehbühne, im Hintergrund eine runde Bildprojektion. Vorn ein Stehpult für die Hauptdarsteller: Erst spricht der Bundespräsident, dann die Kanzlerin und jetzt der Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Er dreht und wendet etwas linkisch das Manuskript, bevor er anfängt. Dafür gibt es vom gefüllten Auditorium des Badischen Staatstheaters Szenenapplaus. Er schmatzt und nuschelt ein wenig. Das kommt an. Das wirkt authentisch. Inmitten der vielen professionellen Redner, die an diesem Morgen, Ende September, aus Anlass des 60.
Geburtstags des Bundesverfassungsgerichts auftreten, spricht ein Experte des Alltags. Danach erneut Reden, Reden, Reden. Dann tritt eine Gerichtsdienerin ein und erklärt mit vielen Versprechern und in breitestem Badisch zunächst, wie sie Tag für Tag die Fahne hisst, dann, was folgt: «100 Prozent Karlsruhe». Die Versuchsanordnung von Rimini Protokoll führt in nuce das Volk vor. 100 Bürger verkörpern die statistische Zusammensetzung ihrer Stadt: Alte, Kinder, Lehrer, Topverdiener, Witwer, Geschiedene, Vereinsmeier, Parteisoldaten, Leute aus den Vororten, Menschen mit Migrationshintergrund. Wenn später die 100 Akteure sich in Grüppchen unter «ich» oder ...
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Theater heute Januar 2012
Rubrik: Theorie, Seite 42
von Nikolaus Müller-Schöll
Mit 81 Jahren ist Wilfried Minks wieder da angekommen, wo er anfing. Er verbringt seine Zeit vor allem mit Zeichnen und Malen, so wie er es schon mit vierzehn und fünfzehn Jahren tat, nach der Vertreibung aus dem böhmischen Dorf Binai, fünfzig Kilometer nördlich von Prag (und fünfzig Kilometer südlich von Theresienstadt – von dem, was dort vor sich ging, wusste er...
Ein Thema, das sich zwar keiner großen Beliebtheit, aber großer Bekanntheit erfreut: das Sterben. Die jüngere Generation hält es für eine lästige Begleiterscheinung des Lebens. Die mittlere Generation betrachtet es schockiert aus der Distanz, die ältere argwöhnisch aus der Nähe. Im Theater sitzen sie nebeneinander und schauen auf Biljana Srbljanovics neues Stück.
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Wer inszeniert eigentlich noch Heiner Müller? Die Frage lässt sich erschreckend klar beantworten: Im April plant Nuran David Calis in Stuttgart «Der Auftrag», spielplanlogisch die Fortsetzung von «Dantons Tod» aus der letzten Spielzeit, und im November hatte Dimiter Gotscheff Premiere von «Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten» im Deutschen...
