Auf der Suche nach der verlorenen Realität

Das Reale ist eins der meistgesuchten Gespenster des zeitgenössischen Theaters in Theorie und Praxis. Zwei Sammelbände reflektieren das neue Dokumentartheater und propagieren ein politisches Theater jenseits der Postmoderne

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Eine grüne Drehbühne, im Hintergrund eine runde Bildprojektion. Vorn ein Stehpult für die Hauptdarsteller: Erst spricht der Bundespräsident, dann die Kanzlerin und jetzt der Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Er dreht und wendet etwas linkisch das Manuskript, bevor er anfängt. Dafür gibt es vom gefüllten Auditorium des Badischen Staatstheaters Szenen­applaus. Er schmatzt und nuschelt ein wenig. Das kommt an. Das wirkt authentisch. Inmitten der vielen professionellen Redner, die an diesem Morgen, Ende September, aus Anlass des 60.

Geburtstags des Bundesverfassungsgerichts auftreten, spricht ein Experte des Alltags. Danach erneut Reden, Reden, Reden. Dann tritt eine Gerichtsdienerin ein und erklärt mit vielen Versprechern und in breitestem Badisch zunächst, wie sie Tag für Tag die Fahne hisst, dann, was folgt: «100 Prozent Karlsruhe». Die Versuchsanordnung von Rimini Protokoll führt in nuce das Volk vor. 100 Bürger verkörpern die statistische Zusammensetzung ihrer Stadt: Alte, Kinder, Lehrer, Topverdiener, Witwer, Geschiedene, Vereinsmeier, Parteisoldaten, Leute aus den Vororten, Menschen mit Migrationshintergrund. Wenn später die 100 Akteure sich in Grüppchen unter «ich» oder ...

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Theater heute Januar 2012
Rubrik: Theorie, Seite 42
von Nikolaus Müller-Schöll

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