Auf der Pausentaste
Im Grunde ist Corona eine Art von biologischem Aktivismus. Das globale Virus funktioniert wie eine «Occupy»-Aktion, die in London oder New York die Straßen lahmlegt. Und in dieser zwangsvollstreckten Pause eine andere Art von Gespräch erzwingt oder ermöglicht. Diese Ausnahmesituation erinnert mich an die Generalaussprache der Revolution von 1989 – auch sie hat die Pausentaste gedrückt. Bevor der Einheitsvertrag, der Beitritt kam, gab es den kollektiven Versuch und die experimentelle Praxis der Ostdeutschen, ihre gesamte Gesellschaft auf allen Ebenen neu zu denken.
Danach kam das Alte.
Die kriseninduzierte Nachdenklichkeit der Covid-Wochen bewirkt nun die erste Generaldebatte unseres kapitalistischen Betriebssystems – keine Gewerkschaft, kein Fundamentalismus und nicht mal die Teenager im Verständnis von Jon Savage haben das bewirkt. Was wir Menschen, Tieren, Landschaften und dem gesamten Ökosystem antun, kommt in der Krise zur Sichtbarkeit und zur wahren Empfindung. Weltanschaulich war Corona die erste planetarische Katastrophe, die ich erlebt habe.
Politisch wirkt Corona wie ein Entwicklerbad in der analogen Fotografie: Was vorher nur ein latentes Bild war, wird nun manifest. Das ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Antworten auf die Zukunft, Seite 48
von Thomas Oberender
Auf dem Spielplan des HAU kündigten wir für den 8. April 2008 ein Stück mit dem Titel «Hauptversammlung» an. Es begann recht früh am Tag. Schon auf dem Weg zum Berliner Messegelände, dem Aufführungsort, konnte man die anderen Besucher*innen ausmachen: Knapp 6000 Aktionär*innen hatten sich in Bewegung gesetzt.
An diesem Tag können sie es anfassen: ihr Unternehmen....
Was wird anders nach Corona? Angesichts der Entscheidungen, die wir als demokratische Staaten bereits getroffen haben: rein gar nichts. Milliardenhilfen wurden für jene Sektoren beschlossen, die an der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen den entscheidenden Anteil hatten. Sie können ihre Arbeit nun zu Ende führen: Fluggesellschaften, Erdöl- und Autokonzerne....
Der Corona-Lockdown hat uns dazu gebracht, die Produktionsweise an unserem Theater zu überdenken. Ich wollte nicht sofort in Aktionismus verfallen und mit Ruhe und Bedacht alle Möglichkeiten ausloten, wie wir am vernünftigsten mit dieser für uns alle völlig neuen Situation umgehen. Ich war tatsächlich überrascht von der Befürchtung anderer Theaterleute, dass das...
