Reflexion und Abwägen

Muss man immer alles möglich machen? Über die Sehnsucht, sich wieder stärker in die Stoffe zu graben

Der Corona-Lockdown hat uns dazu gebracht, die Produktionsweise an unserem Theater zu überdenken. Ich wollte nicht sofort in Aktionismus verfallen und mit Ruhe und Bedacht alle Möglichkeiten ausloten, wie wir am vernünftigsten mit dieser für uns alle völlig neuen Situation umgehen. Ich war tatsächlich überrascht von der Befürchtung anderer Theaterleute, dass das Theater, wenn man nicht so schnell wie möglich wieder vor Publikum geht, bald in Vergessenheit geraten könnte.

Unsere Angst hingegen war, dass wir, wenn wir zu voreilig das Theater wieder öffnen, unsere Mitarbeiter*innen einer unnötigen Ansteckungsgefahr aussetzen.

Eine Zeit lang habe ich sogar bei anderen Theaterleuten dafür geworben, darüber nachzudenken, die Theater bis zum Ende des Kalenderjahres nicht wieder zu öffnen. Das hatte insbesondere ökonomische Gründe, da die Kurzarbeit – die wir an unserem Theater kurz nach dem Beginn des Lockdown einführen konnten – uns im Moment schützt. Wenn wir wieder vor Publikum spielen, aber nicht wie gewohnt vor vollen Sälen, dann bedeutet das massive Verluste. Zudem ist unser Gastspielbetrieb eingestellt. Daraus ergeben sich weitere Einbußen. (Normalerweise haben wir bis zu 2 ...

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Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Antworten auf die Zukunft, Seite 53
von Thomas Ostermeier