Archäologie des Gefühls
Bevor es ernst wird – und ich Ihnen einige unordentliche Gedanken vortrage –, beginnen wir scheinbar heiter. Sie kennen das Aperçu von Oscar Wilde: «Alle Frauen werden wie ihre Mütter, das ist ihre Tragödie. Kein Mann wird wie seine Mutter, das ist seine Tragödie.»
Es gibt kaum eine intimere Situation, mir fällt nur noch eine andere Zweisamkeit ein, als die zwischen Mutter und Sohn. Wobei auch die andere, die zwischen Liebendem und Geliebtem, in der 25-minütigen Episode von Rainer Werner Fassbinders Beitrag zu «Deutschland im Herbst» enthalten ist.
Fassbinder erzählt das Privateste, inszeniert in seiner Wohnung in München. Ein verbaler Kampf mit seiner Mutter Lilo Pempeit, die von ihrem Sohn sagte, er sei, kaum habe er sprechen können, eine einzige Herausforderung gewesen. Es ist die bleierne Zeit 1977 nach der Schleyer-Entführung durch die RAF und deren tödliche Folgen. Auch Fassbinder – fahrig, gereizt, schlecht drauf, ein Nervenbündel – fürchtet als sogenannter Sympathisant die nicht minder gereizte Staatsautorität. Das Politische dringt durch jede Pore.
In der Diskussion mit seiner Mutter über die freiheitliche Ordnung und die Entkräftung des Rechtsstaats vertritt er die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2015
Rubrik: Akteure, Seite 44
von Andreas Wilink
Man sollte mal wieder Hannah Arendt lesen. Danke, Programmheft des Hamburger Schauspielhauses. In dem stehen zur Begleitung von Karin Henkels Dostojewski-Inszenierung «Schuld und Sühne» Auszüge aus einer Vorlesung, die sie 1965 in New York hielt: über die Notwendigkeit des Selbstgesprächs zur Konstituierung als Person. Nur wer mit dem Anderen in sich selbst...
Recherchen in einem nicht mehr existierenden Staat: Die kubanischen Autoren Marcos Antonio Diaz Sosa und Rogelio Orizondo Gomez kamen im vergangenen Jahr nach Jena, um nach Spuren ihrer Landsleute zu suchen, die in der ehemaligen DDR als Vertragsarbeiter lebten. Das hätte eigentlich spannende Ergebnisse und Einblicke geben können, Antworten vielleicht nicht zuletzt...
Ein Stoffhund, der zu Beginn hinter einem Rollator her auf die Bühne geschleift wird und dort als kurioses Gesprächsthema zweier tüddeliger alter Damen herumliegt – kann der einem ans Herz gehen? Aber ja: Während der zweieinhalb Stunden, auf die Mario Salazars Episodenstück am Theater Baden-Baden komprimiert ist, plaudern Catharina Kottmeier als Waltraut und Nadine...
