Annäherung an eine Dichterin

Ein kleines Plädoyer, Gerlind Reinshagen wieder zu spielen

Theater heute - Logo

Gewaltig und rein zugleich» – so empfindet Peter Handke das Gedicht  «Annäherung an eine Person» von Gerlind Reinshagen, das in ihrem 2018 im Suhrkamp Verlag erschienen Gedichtband «Atem anhalten» abgedruckt ist. Kann diese Formel – gewaltig und rein zugleich – nicht  gleichsam für das gesamte wundersam viel­fältige Werk der Gerlind Reinshagen gelten? Die in Königsberg geborene Schriftstellerin ist am 8. Juni 2019 im Alter von 93 Jahren in Berlin nun doch gestorben.

Ich sage bewusst nun doch, denn in einem längeren Gespräch mit Claus Peymann für «Suhrkamp/YouTube» im Mai 2018 strahlte Gerlind Reinshagen eine geradezu alterslos junge Freude aus, voll zarter Neugier auf die Zukunft und ihres Lebens gewiss. In der lauten Theaterwelt war sie immer die Stillste, gesellte sich keinem Trend, mied den Literaturbetrieb, richtete sich nie nach Vorgaben des Feuilletons, dessen gelegentlicher Hochmut ihr aber auch nichts anhaben konnte. 

Und doch gab sie einmal – ohne die geringste Absicht – Anlass zu einer großen Erregung, zu einem Wirbel in den Gazetten. Auf ein oberpriesterliches Verdikt eines wortgewaltigen Theaterkritikers, das einem Boykottaufruf gleichkam und sich pauschal gegen die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2019
Rubrik: Akteure, Seite 44
von Hermann Beil

Weitere Beiträge
Vorschau - Impressum (11/2019)

Milo Rau filmt im süditalienischen Matera «Das neue Evangelium». Jesus als Politaktivist für die Rechte afrikanischer Erntehelfer? – Ein Besuch am Drehort

In Ewald Palmetshofers «Die Verlorenen» gleitet eine Patchworkfamilie in die Katastrophe: der Stückabdruck

Anita Vulesica hat schon vieles ausprobiert: Stationen in Jena, Weimar, Halle, an der Berliner...

Beobachtungen der dritten Art

Die Betrachtung von Kunst ist ein Schauspiel, an dem sich einiges ablesen lässt. Etwa der Stellenwert, den die Zuschauenden der Kunst beimessen, aber auch der Rang, den die Betrachtenden sich selbst einräumen. Ob sie die Kunstbetrachtung als Ritual in eigens dafür errichteten Räumen zelebrieren, ob und wie sie darauf reagieren: mit Fragen, Deutungen oder heftigen...

Abschied vom weißen Mann in den besten Jahren

Die Natur, die Goethes Werther einst schwärmerisch zu umfassen suchte, ist brüchig geworden. Sie ist ein Hörensagenphänomen. So wie Regisseurin Lilja Rupprecht sie an diesem Abend ins Schauspiel Hannover holt: Wellen schwappen auf dem Videoscreen so zähflüssig, als wären sie schon ein Ölteppich. Ein Fotoplakat prangt mit dem Versprechen auf «Natur» und...