Angebräunte Verhältnisse
Das «Dritte Reich» ist und bleibt einer der größten Relevanzmarker der Gegenwartsliteratur. Da kann ein Autor wie Karl Ove Knausgård uns durch sein ganzes Leben geleiten, geprägt von Familientristesse mit drei Kindern, Leiden am autoritären Vater, Leiden an den Ansprüchen der Ehefrau, Leiden an zu wenig Zeit für Schriftstellerei, alles ein bisschen bürgerlich durchschnittlich, ein bisschen aufregend.
Wenn dieses gut 4000-seitige Erzählwerk «Mein Kampf» heißt und sich auch explizit gegen die Autobiografie des jungen Adolf Hitler abmisst, dann kriegt es sogleich den wohligen Touch des Nennenswerten und historisch Resonanzreichen.
Insofern ist es klug, dass Regisseurin Yana Ross die hochfahrende Bruder-Hitler-Geste schon früh an ihrem Knausgård-Abend im Berliner Ensemble platziert (der Zweieinhalbstünder ist nach drei Romanen der Hexalogie «Sterben, Lieben, Kämpfen» benannt). Man lässt sich leichter durch die Windungen der Bürgerlichkeit treiben, wenn man weiß, der große Bang ist nicht fern.
In einem mehrstufigen Ikea-Wohnsetting mit Bücherregal, Küche, Sofalandschaft, Kinderwagen und Kloschüssel rufen Ross und ihre Bühnenbildnerin Bettina Meyer zentrale Spielorte der Knausgårdschen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2024
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Christian Rakow
Es war einmal eine alte Schaumstoff-Matratze. Die hatte viele Jahre in einer Berliner Wohnung gelegen – Menschen hatten auf ihr geschlafen, ihre Träume und Krankheiten auf sie gebettet, geschwitzt, Liebe gemacht und manchmal vielleicht auch einige Tränen vergossen. Als sie nun alt geworden war, und an einer Straßenecke im Prenzlauer Berg auf ihre Entsorgung...
BERLIN, GROPIUS BAU bis 14.7.
Radical Playgrounds: From Competition to Collaboration
Internationale Künstler:innen verwandeln den Parkplatz neben dem Gropius Bau in radikale Spielräume, auf denen u.a. Florentina Holzinger, Tomás Saraceno und Céline Condorelli einen elfwöchigen Kunstparcours unter dem Motto «From Competition to Collaboration» gestalten. Die von...
Franz Wille Eins der großen Ereignisse dieser Spielzeit ist die «Anthropolis»-Serie des Hamburger Schauspielhauses in der Regie von Karin Beier: fünf Stücke, teils Übersetzungen, teils neu geschrieben nach mythischen oder antiken Vorlagen um die Stadt Theben. Insgesamt ein riesiges Projekt, selbst für die Verhältnisse eines großen deutschsprachigen Stadttheaters....
