Angebräunte Verhältnisse
Das «Dritte Reich» ist und bleibt einer der größten Relevanzmarker der Gegenwartsliteratur. Da kann ein Autor wie Karl Ove Knausgård uns durch sein ganzes Leben geleiten, geprägt von Familientristesse mit drei Kindern, Leiden am autoritären Vater, Leiden an den Ansprüchen der Ehefrau, Leiden an zu wenig Zeit für Schriftstellerei, alles ein bisschen bürgerlich durchschnittlich, ein bisschen aufregend.
Wenn dieses gut 4000-seitige Erzählwerk «Mein Kampf» heißt und sich auch explizit gegen die Autobiografie des jungen Adolf Hitler abmisst, dann kriegt es sogleich den wohligen Touch des Nennenswerten und historisch Resonanzreichen.
Insofern ist es klug, dass Regisseurin Yana Ross die hochfahrende Bruder-Hitler-Geste schon früh an ihrem Knausgård-Abend im Berliner Ensemble platziert (der Zweieinhalbstünder ist nach drei Romanen der Hexalogie «Sterben, Lieben, Kämpfen» benannt). Man lässt sich leichter durch die Windungen der Bürgerlichkeit treiben, wenn man weiß, der große Bang ist nicht fern.
In einem mehrstufigen Ikea-Wohnsetting mit Bücherregal, Küche, Sofalandschaft, Kinderwagen und Kloschüssel rufen Ross und ihre Bühnenbildnerin Bettina Meyer zentrale Spielorte der Knausgårdschen ...
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Theater heute Mai 2024
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Christian Rakow
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