Angebräunte Verhältnisse
Das «Dritte Reich» ist und bleibt einer der größten Relevanzmarker der Gegenwartsliteratur. Da kann ein Autor wie Karl Ove Knausgård uns durch sein ganzes Leben geleiten, geprägt von Familientristesse mit drei Kindern, Leiden am autoritären Vater, Leiden an den Ansprüchen der Ehefrau, Leiden an zu wenig Zeit für Schriftstellerei, alles ein bisschen bürgerlich durchschnittlich, ein bisschen aufregend.
Wenn dieses gut 4000-seitige Erzählwerk «Mein Kampf» heißt und sich auch explizit gegen die Autobiografie des jungen Adolf Hitler abmisst, dann kriegt es sogleich den wohligen Touch des Nennenswerten und historisch Resonanzreichen.
Insofern ist es klug, dass Regisseurin Yana Ross die hochfahrende Bruder-Hitler-Geste schon früh an ihrem Knausgård-Abend im Berliner Ensemble platziert (der Zweieinhalbstünder ist nach drei Romanen der Hexalogie «Sterben, Lieben, Kämpfen» benannt). Man lässt sich leichter durch die Windungen der Bürgerlichkeit treiben, wenn man weiß, der große Bang ist nicht fern.
In einem mehrstufigen Ikea-Wohnsetting mit Bücherregal, Küche, Sofalandschaft, Kinderwagen und Kloschüssel rufen Ross und ihre Bühnenbildnerin Bettina Meyer zentrale Spielorte der Knausgårdschen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2024
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Christian Rakow
On Tour
BASEL, KASERNE
7.–8., Yasmine Hugonnet / Cie Arts Mouvementés. Les Porte-Voix – Cabaret Ventriloque
15., 27., Patricija Bronic, Klapa (AT)
16.–17., Marc Brew und Sidi Larbi Cherkaoui, An Accident / A Life 29.–31., Tabea Martin, Love Scenes
BERLIN, BALLHAUS OST
18.–19., Rodrigo Zorzanelli, Multiple Memberships
24.–26., Tentacular Figurings, Meet your...
RAINALD GOETZ «Baracke»
Zurück in die Nuller Jahre. Wie war das damals eigentlich, als der Aufbruchselan der ersten rot-grünen Regierung sich in neolibera -len Reformen totlief, als der wohlstandsdumpfe Pragmatismus der Merkel-Zeit begann, in dessen Schatten die AfD-Stimmung heranwachsen konnte, als der NSU unter der Wahrnehmungsschwelle von Polizei und...
Richard Alewyn beschreibt in seinem im Programmheft von Johan Simons’ Inszenierung von Pedro Calderón de la Barcas «Das Leben ein Traum» abgedruckten Text «Die Welt ist ein Theater» das Barocktheater als Welttheater. Folgerichtig hat Johannes Schütz eine Kugel in die Mitte der Drehbühne im Hamburger Thalia Theater gestellt, eine Weltkugel, nicht besonders groß,...
