Angebräunte Verhältnisse
Das «Dritte Reich» ist und bleibt einer der größten Relevanzmarker der Gegenwartsliteratur. Da kann ein Autor wie Karl Ove Knausgård uns durch sein ganzes Leben geleiten, geprägt von Familientristesse mit drei Kindern, Leiden am autoritären Vater, Leiden an den Ansprüchen der Ehefrau, Leiden an zu wenig Zeit für Schriftstellerei, alles ein bisschen bürgerlich durchschnittlich, ein bisschen aufregend.
Wenn dieses gut 4000-seitige Erzählwerk «Mein Kampf» heißt und sich auch explizit gegen die Autobiografie des jungen Adolf Hitler abmisst, dann kriegt es sogleich den wohligen Touch des Nennenswerten und historisch Resonanzreichen.
Insofern ist es klug, dass Regisseurin Yana Ross die hochfahrende Bruder-Hitler-Geste schon früh an ihrem Knausgård-Abend im Berliner Ensemble platziert (der Zweieinhalbstünder ist nach drei Romanen der Hexalogie «Sterben, Lieben, Kämpfen» benannt). Man lässt sich leichter durch die Windungen der Bürgerlichkeit treiben, wenn man weiß, der große Bang ist nicht fern.
In einem mehrstufigen Ikea-Wohnsetting mit Bücherregal, Küche, Sofalandschaft, Kinderwagen und Kloschüssel rufen Ross und ihre Bühnenbildnerin Bettina Meyer zentrale Spielorte der Knausgårdschen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2024
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Christian Rakow
Nicht gerade optimistisch für eine National -hymne: «Ruhm und Wille der Ukraine sind noch nicht tot», lauten die ersten Worte der ukrainischen Hymne, und ihr Titel: «Noch ist die Ukraine nicht gestorben». Das Lied kündet von «blutigen Schlachten», davon, sich für die Freiheit zu opfern, und vom Glauben an eine Zukunft, in der die Ukrainer:innen «niemandem erlauben,...
1.1
Eine schmale, staubige Straße,
weit entfernt
die Stadt.
Es ist noch früh am Tag,
vielleicht ist es
erst kurz nach Sonnenaufgang,
vielleicht ist es
aber auch schon Mittag,
oder es ist schon
spät am Nachmittag,
bald wird es dunkel,
auf der Straße ein Mann,
ein Mann
auf einem Wagen,
das ist eher ein Karren,
den zwei Ochsen ziehen,
das ist
der König von Theben,
...
Es war immer spannend mit dir.» Lizzy Timmers blickt verschmitzt melancholisch auf den Boden, genauer auf die Drehbühne, der diese Worte gelten. In ihrer Jenaer Abschiedsperfomance «So long, Jena» verabschiedet sie sich zusammen mit Paul Wellenhof vom Publikum in Jena. «Keep Jena wild», ruft sie dem Publikum zu und meint es so. Die Performance «So long, Jena» ist...
