And I think ... it’s interesting!
Ich kann mich nicht beklagen über die Zeit mit ihm in Gießen vor 40 Jahren und auch nicht über die letzten Jahre zwischen 2016 bis 2019, in denen er uns oft in der Volksbühne besucht hat. Wo er 2016 mit Martin Wuttke und mir nach Proben geredet hat, oder mit mir in der Kantine. Ich hab jetzt gerade, wo ich über ihn nachdenke, das Gefühl, er hat alle Abende von mir gesehen, von 1984 bis zu dem November 2019, als ich ihn zum letzten Mal sah. Bei dem immensen Zeitraum muss ich tatsächlich von «mir» reden, weil es außer ihm da keine weitere Konstante gibt.
Außer natürlich Andrzej Wirth. Und das hätte ich selbstverständlich nicht erwartet, als ich 1982 zu studieren begann, dass sie mich fast das ganze Leben lang so begleiten würden, also wirklich physisch. Also nicht, dass man seine Professor:innen im Gedächtnis behält, denen man ja viel zu verdanken hat, sondern dass er immer auch da war. Dass es noch 2016 Gespräche geben würde, als er uns bei Proben besuchte, hätte ich damals natürlich nicht gedacht.
Text als Tool
Vielleicht ist das ja auch gar nichts Neues, vielleicht hat jede Studentin oder jeder Student seine Professor:innen noch Jahrzehnte um sich, keine Ahnung, ich hab ja keine Akademikerlaufbahn eingeschlagen. Vielleicht ist es auch die Regel. Ich komm jetzt nur deshalb drauf, weil ich für die Akademie der Künste einen kurzen Text verfasst hatte nach seinem Tod, in dem ich merkwürdig ausführlich und umständlich beschrieb, wie ich mich drei Jahre vor seinem Tod von ihm verabschiedet hatte. Und genau jetzt, während ich das hier tippe, höre ich ihn sagen, auf YouTube während einer Lecture in Kopenhagen: «Theatre is the only art, where we communicate with our bodies. Not with images of our bodies, but with our bodies.» Und ja, denke ich, genau! Es geht um die Präsenz. Er war präsent. Nicht irgendwo in meinem Kopf als eine Erinnerung an jemanden, mit dem man sich ab und zu beschäftigt, weil man ihm viel zu verdanken hat. Es waren keine «images» von ihm, sondern seine Gegenwart. Es wird im Theater auch nicht für Hermeneutiker kommuniziert, sondern wie er in Kopenhagen sagt: «Using text as a tool being present ... as thinking person on a stage.» Also Text, weder als Turngerät auf der Bühne mit ein bisschen Mehrwert und Petersilie, noch als Rätsel, an dem sich das Publikum dann abturnt, für ein bisschen Distinktion, mit ein paar anderen Serviervorschlägen im Kopf. «There is a lot of text in post-dramatic theatre», sagt Hans-Thies jetzt auf YouTube. Aber – JA! – nur nicht, wofür ihr denkt! «And there will be new forms, I am certain, that will be developed. Text will be there in so many ways.» «Aber gibt es denn nicht irgendwann ein new drama?», fragt ein Student. Und Thies: «A postdramatic is a postdramatic is a postdramatic. But we dont have to call it all the time postdramatic now, now its clear, that it/there (ist akustisch nicht ganz einwandfrei zu verstehen) is no longer dramatic.»
Selbst wenn es dramatisch wird, it is no longer dramatic. Und das beste an dieser Lecture auf YouTube, er erwähnt da etwas, das eine gute Idee von mir war, und sagt daraufhin, und das werde ich mir merken müssen: «And I think … it’s interesting!» Ich werde es mir merken müssen, weil es hilfreich sein wird für jene, die aus guten Gründen und weil sie nun mal in ihrer Zeit sind, einen von den vielen Parametern des Theaters verändern werden. Es ist hilfreich, weil es übermittelt, dass man die Arbeit an diesem tollen Gegenstand teilt. Und Thies sagt auch, man sollte, weil sonst niemand mehr was versteht, es vielleicht nicht mit allen Parametern zur gleichen Zeit versuchen.
Theater heute 10 2022
Rubrik: Postdramatisches Theater, Seite 35
von René Pollesch
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