Am windigen Puls der Realität
Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie. Diese Laudatio ist 912 Seiten lang. Aber nur der erste Teil. Ich brauche so viel Platz zum Erklären, warum in Wolfram Lotz’ letztem Theaterstück «Die Politiker» plötzlich kein Igel mehr vorkommt. Aus 7000 Wörtern Text besteht dieses Drama, und kein einziges davon ist «Igel». Das gab es noch nie.
Von den anderen Hauptdarstellern seiner Sprache, dem «Wind» und dem «Tod», kommt ersterer in den «Politikern» immerhin 14 Mal vor, aber auch der Tod hat nur drei Auftritte, und zwar ziemlich am Schluss, wo er hingehört, zu Adolf Hitler und Netflix. Ist dies ein Reifezeugnis? Den treuesten Begleiter seiner Literaturkarriere ins Sprachlose zu marginalisieren, um sich jetzt der echten Scheinwelt der Politik zuzuwenden, wo es nichts Spitzes mehr gibt, nur Einfluss?
Ist da wirklich kein Platz mehr für einen sprechenden Igel, in dieser Welt der Verantwortlichen, die in Wolfram Lotz’ Politiker-Drama sonst alles können, nur nicht Igel sein? Dabei war der weißbrüstige Säuger mit seiner Borstenabwehr und dem großen Insektenhunger schon in den frü -hesten Texten allpräsent. Etwa in dem Hörspiel «Das Ende von Iflingen», entstanden 2007, wo er frech gegen den ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 6 2022
Rubrik: Laudatio, Seite 37
von Till Briegleb
Beim Heidelberger Stückemarkt kann es passieren, dass ein Autor zum ersten Mal sein Werk gesprochen hört. Philipp Gärtner ist es so ergangen, und als er nach der 40-minütigen Lesung aus seinem Drama «Olm» zum Nachgespräch auf die Bühne kam, sagte er: «Ich glaube, ich bin da hart an der Grenze der Verständlichkeit, vielleicht sollte ich noch mal ausmisten …?»...
Wenn Wallenstein zum erstem Mal erscheint, scheppert es gewaltig. Weniger wegen des imposant schimmernden Brustharnischs überm Kettenhemd als wegen der Blechhandschuhe, mit denen er so ungeschickt wie notgeil die aus Wien heimkehrende Gemahlin befingert, die sich das, nicht weniger unter Druck, gern gefallen lässt. Nichtsdestotrotz wird atemlos Dialog gefeuert,...
Dena hat sich ein interessantes Geschäftsmodell aufgebaut. Die Journalistin ist zwar ein typischer Fall von Klassismus-Opfer – Postmigrantin, unterbezahlt, keine Aussicht auf eine ordentliche Erbschaft –, möchte aber trotzdem ordentlich verdienen. Jemand wie sie weiß, dass Geld auch Freiheit bedeutet. Deshalb verreißt sie mit Wucht und Wonne alle...
