Am Kipp-Punkt
«The End» prangt von Beginn an als Leuchtreklame auf dem Königs-Bungalow, und der Horizont dahinter wölkt sich in Nina Pellers Bühnenbild leuchtend wie im Abspann eines 50er-Jahre-Westerns in Technicolor. Doch das Ende ist das eine, was danach kommt, das andere. Weg mit den weißen alten Männern, das ist inzwischen fast überall der Konsens der Stunde; und dementsprechend hat Shakespeares «König Lear» Konjunktur, nicht wie früher mal als Paraderolle für alternde Großmimen, sondern als Aufbruchsfantasie in eine glanzvolle väterlose Zukunft.
Das Dilemma ist nur, dass mit der Abdankung des Alphatiers noch nicht wirklich was gewonnen ist. Denn schließlich haben dessen Nachkommen nicht nur die traumatische Gewaltgeschichte von Kindesbeinen an inhaliert, sondern auch den Glitzerstaub aus Papas Portemonnaie, was einem radikalen Systemwechsel erschwerend entgegensteht.
«Wir können Origami»
Jenseits von Alters-Pathos und Endzeit-Fatalismus erzählen Autor Thomas Melle, Regisseur Stefan Pucher und Lear-Darsteller Thomas Schmauser – allesamt weiße Männer in den besten Jahren – in ihrer sprachgewitzten Adaption an den Münchner Kammerspielen eine ganz andere Geschichte, als man sie bei diesem ...
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Theater heute November 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Silvia Stammen
Gewaltig und rein zugleich» – so empfindet Peter Handke das Gedicht «Annäherung an eine Person» von Gerlind Reinshagen, das in ihrem 2018 im Suhrkamp Verlag erschienen Gedichtband «Atem anhalten» abgedruckt ist. Kann diese Formel – gewaltig und rein zugleich – nicht gleichsam für das gesamte wundersam vielfältige Werk der Gerlind Reinshagen gelten? Die in...
Ich hatte mich in den 90er Jahren daran gewöhnt, dass es meinen Chef aus Osnabrück erstaunte, mich Englisch sprechen zu hören, obwohl ich aus dem Osten komme. «Waren die Leute in der DDR eigentlich blöder, oder warum haben da so wenige Abitur gemacht?» Wie sollte ich das erklären ...? Die grobe DDR-Vergangenheitsbetrachtung war mir lange Zeit egal, denn ich habe in...
In «Live Long and Prosper», einem ihrer selbst kreierten, produzierten und gedrehten Filme, heißt die Anweisung an einen der sieben Mitspieler: «closer to». Näher zu was? Zu sich selbst, zu der im Spiel leichthin erreichbaren Wirklichkeitserfassung, zum Ernst des Lebens, zum Abstand zwischen Kunst und Realität? Die Gruppe Gob Squad streift scheinbar planlos durch...
