Talent zur Transparenz
In «Live Long and Prosper», einem ihrer selbst kreierten, produzierten und gedrehten Filme, heißt die Anweisung an einen der sieben Mitspieler: «closer to». Näher zu was? Zu sich selbst, zu der im Spiel leichthin erreichbaren Wirklichkeitserfassung, zum Ernst des Lebens, zum Abstand zwischen Kunst und Realität? Die Gruppe Gob Squad streift scheinbar planlos durch Berlin, um dann im Waschsalon, in Kaufhaus-Galerien, auf dem Weihnachtsmarkt, an Überall-und-nirgends-Orten Filmszenen – Todesszenen – nachzustellen.
Bastian Trost tritt auf der per Split Screen geteilten Leinwand als Double neben Dustin Hoffman in John Schlesingers «Asphalt Cowboy» von 1969, einer Wegmarke des New-Hollywood-Kinos, oder inszeniert sich in den Trivialmythos von Lex Barker als Old Shatterhand hinein, der den sterbenden Winnetou Pierre Brice wie eine Pietà in den Armen hält.
Der bewusst ungelenke Antiheld wird zum Protagonisten. Der Heroismus, den die Zelluloid-Ware offeriert, zerschellt an vermittelten, falschen, idealisierten und existenziellen Erfahrungen, während Wagners Liebestod aus dem «Tristan» aufrauscht. Ergriffenheit, so zeigen die Frauen und Männer von Gob Squad, wird zum Ergreifen dessen, was ...
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Theater heute November 2019
Rubrik: Akteure, Seite 38
von Andreas Wilink
Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!
Fridays for Future
Wenn jedes der Werkzeuge, sei es auf erhaltenen, sei es auf erratenen Befehl hin, seine Aufgabe zu erfüllen vermöchte, bedürfte es für die Meister nicht die Gehilfen und für die Herren nicht die Sklaven.
Aristoteles, Politeia
die kontinuität des ich–bewusstseins, soweit sie...
In «Ausweitung der Kampfzone» von 1994 steckt schon der ganze spätere Houellebecq. Ein etwas antriebsschwacher Ich-Erzähler mit akademischem Hintergrund in einigermaßen gesicherten ökonomischen Verhältnissen verliert langsam die Sinnbezüge zu seinem Leben und trudelt zunehmend distanziert durch ein paar zufällig und ziellos erscheinende Alltagsstationen Richtung...
Ich hatte mich in den 90er Jahren daran gewöhnt, dass es meinen Chef aus Osnabrück erstaunte, mich Englisch sprechen zu hören, obwohl ich aus dem Osten komme. «Waren die Leute in der DDR eigentlich blöder, oder warum haben da so wenige Abitur gemacht?» Wie sollte ich das erklären ...? Die grobe DDR-Vergangenheitsbetrachtung war mir lange Zeit egal, denn ich habe in...
