Talent zur Transparenz
In «Live Long and Prosper», einem ihrer selbst kreierten, produzierten und gedrehten Filme, heißt die Anweisung an einen der sieben Mitspieler: «closer to». Näher zu was? Zu sich selbst, zu der im Spiel leichthin erreichbaren Wirklichkeitserfassung, zum Ernst des Lebens, zum Abstand zwischen Kunst und Realität? Die Gruppe Gob Squad streift scheinbar planlos durch Berlin, um dann im Waschsalon, in Kaufhaus-Galerien, auf dem Weihnachtsmarkt, an Überall-und-nirgends-Orten Filmszenen – Todesszenen – nachzustellen.
Bastian Trost tritt auf der per Split Screen geteilten Leinwand als Double neben Dustin Hoffman in John Schlesingers «Asphalt Cowboy» von 1969, einer Wegmarke des New-Hollywood-Kinos, oder inszeniert sich in den Trivialmythos von Lex Barker als Old Shatterhand hinein, der den sterbenden Winnetou Pierre Brice wie eine Pietà in den Armen hält.
Der bewusst ungelenke Antiheld wird zum Protagonisten. Der Heroismus, den die Zelluloid-Ware offeriert, zerschellt an vermittelten, falschen, idealisierten und existenziellen Erfahrungen, während Wagners Liebestod aus dem «Tristan» aufrauscht. Ergriffenheit, so zeigen die Frauen und Männer von Gob Squad, wird zum Ergreifen dessen, was ...
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Theater heute November 2019
Rubrik: Akteure, Seite 38
von Andreas Wilink
Stephan Speicher Der Riss durch Deutschland soll erhalten werden, haben Sie gesagt. Müsste man die Mauer wieder bauen?
Heiner Müller Man soll nicht so tun, als ob da kein Riss ist. Diesen Riss muss man sich erst einmal bewusstmachen und analysieren, was mit der Vereinigung nicht funktioniert. Es war lange eine Tendenz, im Bierrausch alles für geklärt zu halten....
Kohlenrutsche, Müllschlucker, Schüttgutrampe – Olaf Altmanns Bühnenbild ist eine Großmetapher, eine graue Halfpipe des Geschichtsfatalismus. Es geht nur abwärts, keiner kommt empor, alles rauscht bergab. Entweder man bleibt hübsch oben in Distanz, oder man saust abwärts mit rasanter Fahrt in den Abgrund auf die Vorderbühne, zurückklettern geht nicht. Allenfalls...
Es herrscht derzeit Einigkeit: Die Welt, sie muss gerettet werden! Doch wie kann das gehen, jenseits von einschlägigen Superhelden- und Hollywood-Fantasien? Auf der Suche nach Lösungen sind immer mehr auch Künstler*innen gefragt. «Unfuck My Future» forderte jetzt munter ein Festival, das die Saison am Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm eröffnete und im Untertitel...
