Die Kunst der Depression
In «Ausweitung der Kampfzone» von 1994 steckt schon der ganze spätere Houellebecq. Ein etwas antriebsschwacher Ich-Erzähler mit akademischem Hintergrund in einigermaßen gesicherten ökonomischen Verhältnissen verliert langsam die Sinnbezüge zu seinem Leben und trudelt zunehmend distanziert durch ein paar zufällig und ziellos erscheinende Alltagsstationen Richtung Abgrund. Währenddessen beschreibt er mit hellsichtigem Sarkasmus – der trockene Humor verlässt ihn nie – sich und und seine Umgebung.
Unterwegs stolpert er noch durch eine lockere Reihe improvisierter essayistischer Betrachtungen, wie unsere gegenwärtige Gesellschaft angeblich so funktioniert. Sie kommt dabei im Großen und Ganzen nicht besonders gut weg: solide Zivilisationskritik im jeweils aktuellsten Update. Eine für deutschsprachige Bühnen seit bald zwei Jahrzehnten unwiderstehliche Mischung.
In Houellebecqs erstem Roman von 1994 steht ein 30-jähriger Agraringenieur und Informatiker – biografisch dem Autor nicht unähnlich – vor den üblichen Herausforderungen des Lebens. Er ist einigermaßen erfolgreich und gut bezahlt, arbeitet in einer Firma, die ihn nicht interessiert, und in einem eher langweiligen Job, der ihn ...
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Theater heute November 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Franz Wille
Wie die Welt untergehen wird? «Unter dem Jubel ihrer witzigsten Köpfe, die da meinen, es wäre ein Witz», heißt es im «Untergang der Titanic» von 1978. Klingt grob, aber genau das ist es, was die apokalyptische Komödie von Hans Magnus Enzensberger jetzt, angesichts der anstehenden Klimakatastrophe, so aktuell macht: die Vorstellung der Katastrophe als Witz.
Ein...
Wer aus aktuellem Anlass ins Bücherregal greift, doch noch einmal ein schmales Bändchen des frisch gekürten Literaturnobelpreisträgers Peter Handke herauszieht und jene «Winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien» liest, dem wird vieles bekannt vorkommen. Diffuse Andeutungen, Verschwörungsraunen, übelste...
Die Betrachtung von Kunst ist ein Schauspiel, an dem sich einiges ablesen lässt. Etwa der Stellenwert, den die Zuschauenden der Kunst beimessen, aber auch der Rang, den die Betrachtenden sich selbst einräumen. Ob sie die Kunstbetrachtung als Ritual in eigens dafür errichteten Räumen zelebrieren, ob und wie sie darauf reagieren: mit Fragen, Deutungen oder heftigen...
