Aachen: Mit Ausrufezeichen!

Nach Siegfried Lenz «Deutschstunde»

Theater heute - Logo

Drei Nachkriegs-Helden der an Sonderlingen reichen deutschen Literatur sitzen hinter Gittern, heil- und pflegebedürftig und schwer erziehbar. Kriminelle, ästhetische Existenzen. Künstler­naturen. Sie heißen, in der zeitlichen Reihe ihres Auftretens: Felix Krull, Oskar Matzerath und Siggi Jepsen. Am schwersten von ihnen hat es nicht der humoristisch polyglotte Hochstapler, nicht der die Welt wach trommelnde Knirps, sondern der kleptomane «Wittwitt» aus Rugbüll. Alle drei aber vertrauen aufs Wort und geben es uns.

Sie sprechen oder schreiben sich frei, psychisch angeknackst von ihrer Herkunft, der deutschen Vergangenheit, dem deutschen Wesen, von dem sie genesen müssen.

Im Theater Aachen sitzen fünf Siggis in grauen Joppen und weißen Hemden um einen Tisch und suchen krampfhaft verzweifelt nach dem rechten Wort. Es will nicht heraus. Ihre Strafarbeit als Sprach- und Kopfarbeit. Siggi soll sich in einem Aufsatz mit dem Thema «Die Freuden der Pflicht» beschäftigen, was dem Interesse der Anstalts-Psychologen am Fall Jepsen dient und dessen phobischem Verhalten. Seine Obsession zwingt ihn, Bilder zu «retten» bzw. zu stehlen und zu verstecken. Der den Zögling umgebende, verbunkerte ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2016
Rubrik: Chronik, Seite 62
von Andreas Wilink

Weitere Beiträge
Festival: Im Dialog

Bilder wie diese kann ja keine Bühne, kein Theater bieten – Bilder wie aus der «Vila Itororo», einer kleinen Geisterstadt mitten im Herzen der Monster-Metropole Sao Paulo. Vor bald 100 Jahren entstand hier eine kleine Siedlung zu Füßen des Wohn-Tempels, den ein offensichtlich reichlich durchgeknallter Architekt für sich selber entwarf; mit Säulen wie auf einer...

Was fehlt? Widerspruch von den Nachfolgern: Drei KritikerInnen der nächsten Theatertreffen-Jury schreiben, was 2016 fehlt.

Orgelnde Monologe

In Frank Castorfs Dostojewski-Inszenierung «Die Brüder Karamasow» übertreffen sich die exzentrischen Glamrocksolisten 

Noch wagen wir uns kaum auszumalen, was in der nächsten Spielzeit alles an Castorf- und Volksbühnenabschiedsfeuerwerken gezündet wird. Zum Ende der letzten gab es bereits ein gewaltiges zu bewundern: Dostojewskis «Die Brüder...

Weimar: Wunderbare Therapeuten

Pisto ist ein Freund der klaren Ansagen. Vielleicht, empfiehlt er seinem Kumpel Hupka warmherzig, «gibt’s Leute, die sollten sich ein Schild um den Hals hängen: ‹Verlierer›. Alles, was ich anpacke, wird Schrott.» Unrecht hat Pisto (Na­huel Häflinger) natürlich nicht: Die Differenz zwischen Sein und Bewusstsein ist bei Hupka tatsächlich ganz besonders imposant. Denn...