Krieg aus dem Modellbaukasten

Das Figurentheater steckt in der Krise – Eindrücke vom 14. Internationalen Figurentheater-Festival in Nürnberg, Fürth und Erlangen

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Den ganzen Tag über schon hatten sich die Menschen an den Händen gefasst, hatten Lichterketten gebildet und waren bedrückt, gleichwohl befreit vor Gräbern und an Mahnmalen gestanden. Präsidenten beschworen den Frieden, Veteranen gedachten der letzten verhallten Schüsse, das Volk schwenkte Fähnchen: Nie wieder! Der Krieg war 60 Jahre vorbei an diesem Muttertag im Mai, im Fernsehen sang Heintje von Wärme im Herzen.

Am späten Abend aber rottete sich nochmals eine kleine Gruppe sehr seltsamer Gestalten zusammen: In einem verdreckten Bunker zappelten böse Geister der Vergangenheit durchs trübe Licht und zelebrierten ihre letzten Stunden – eine makabere Auferstehung aus den Gräbern der Geschichte. Ein brabbelnder Hitler, eine keifende Eva Braun, ein feister Göring, schon vergiftete Goebbels-Kinder: sie alle «zuhause» beim Führer unter der Betondecke in Berlin, wartend auf ihren Untergang. Wie zum Hohn huschten die Untoten just an diesem Gedenktag durch die bröckelnde Szene und riefen sich grell in Erinnerung.

Aber es waren ja gottlob bloß Puppen! Kostümierte und selbstgebastelte Wahnvorstellungen. Es war nur ein böse erdachtes Spiel mit willen- und leblosen Geschöpfen, mit den Ängsten und ...

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Theater heute Juni 2005
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Bernd Noack

Vergriffen
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Wiener Fenstersturz

Es war keine Magie im Spiel bei jenem «Unverhofften Wiedersehen», das Johann Peter Hebel in seiner bekannten Kalendergeschichte beschrieben hat. Eisensulfat hatte den Körper des jungen Bergmanns konserviert, den man fünfzig Jahre nach einem Minenunglück wiederfand. Grau und gebeugt trat eine Frau an die Bahre und erkannte das jugendliche Gesicht ihres Verlobten....

Notizen

1. Klasse

Die Wege des Herrn sind unergründlich: Nachdem Bundespräsident Köhler noch kürzlich gegen das Regietheater gewettert hatte («Ein ganzer ‹Tell›, ein ganzer ‹Don Carlos›, das ist doch was!»), erhielt nun in seinem Auftrag der langjährige Direktor und Alleingesellschafter der Berliner Schaubühne, Jürgen Schitthelm, das Verdienstkreuz 1. Klasse des...

«Marco war en Schmusekind»

Dieser Text lässt sich nicht einfach abschütteln. Er nistet sich ein, beißt sich fest, kriecht ein paar Nächte lang übers Kopfkissen. Er hinterlässt Bilder eines abscheulichen Verbrechens: Nach der Lektüre sieht man mondbeschienene Feldwege vor sich, leere Bierkästen Marke «Sternburger» und Springerstiefel, die nach einem erschöpften Körper treten. Man hört einen...