Meisterswinger, Meisterrapper
Auf der Bühne herrscht beträchtlicher Verkehr. Mit Graffiti übersäte Kübelwagen rumpeln ihre Runden, spacke Superhelden in prallengen Kostümen schwirren durchs Terrain, viel Volk und Sänger purzeln die Treppen des Bühnenbildes rauf und runter. Unten am Bühnenrand parken trojanische Pferde, und die Nerven des Publikums werden von Maschinenpistolengarben zerrüttet, die durch die Nacht peitschen. Wo wir sind? In Deutschland natürlich, in Nürnberg, nicht weit vom späteren Reichsparteitagsgelände.
Hier tagen die Meistersinger, eine frühbürgerliche Spießer-Elite, lauter Handwerksmeister, die nach einem ungemein ausgetüftelten Regelwerk um die Wette singen und dichten, als wär’s ein Battle-Rap. Heute aber müssen sie als Gremium über zwei Dinge entscheiden: Darf der adlige Stolzing, der das Singe-Handwerk nicht gelernt hat, nur begabt und beseelt ist, mitmachen? Mit anderen Worten: Wie hält’s der deutsche Bürger mit Genie und Avantgarde? Und: Darf auch mal das Volk oder dürfen nur Profi-Juroren entscheiden, wer’s am besten kann? Am Ende kriegt Deutschland seinen Superstar, und der Superstar kriegt sein Deutschland.
Doch noch ebbt die Raserei nicht ab. Wir sind nämlich nicht nur in ...
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Sie möblieren sich ihre Verzweiflung mit einer gemütlichen, potthässlichen Eckcouch-Garnitur, tänzeln am Abgrund ihrer Existenz verzweifelt leichtfüßig wie Hochseil-Akrobaten, sie bewältigen ihre (im Knast) abgesessene Vergangenheit im Schluckspecht-Tempo und betrügen sich mit grellen Wunschvorstellungen um ihre Zukunft – sie sind überhaupt ein paar ganz tolle...
So sehen pubertäre Träume aus: Die eigene Mutter vor einer großen Menschenmenge bloßstellen mit bohrenden Fragen nach ihrer Kindheit im Nationalsozialismus; auf ein monströses Eisernes Kreuz steigen und mit gestrecktem Arm «Heil Hitler!» ins Volk brüllen; und schließlich mit der Macht des Mikrofons ausgestattet raunende Welt- und Selbsterklärungen an staunende...
Das Thema des Stücks ist letztendlich das Scheitern, Momente des Scheiterns groß aufgenommen.» So umreißt Roland Schimmelpfennig den Inhalt seines 2002 von Jürgen Gosch am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführten Stückes «Vorher/ Nachher». In 51 kurze Auftritte unterteilt, ist das Drama des gefragten mitteljungen Dramatikers ein Szenenkaleidoskop, das mehr als...
