Newcomer
In Tallinn, Estlands Hauptstadt, wurde Skype erfunden. In der alten Unterstadt bewundern Touristen die historischen Gilde-Säle dieser einst von Lübeck aus gegründeten Hansestadt. In einem der Häuser, dem Kanuti-Gildi-Saal, versammelten sich im Mittelalter die Goldschmiede, die Uhrmacher, die Kunstmaler – die Elite unter den Handwerkern. Seit 16 Jahren tanzen hier nun die Zeitgenossen. Karl Saks ist einer von ihnen.
Mit ritueller Ernsthaftigkeit in schwarzer Mönchskutte bestritt er bereits sein Solo «The Drone of Monk Nestor», um einzutauchen in die lange Geschichte der von Schweden, Deutschen und Russen bedrängten Minorität der Esten, die ihre Unabhängigkeit erst 1990 wiedererlangte.
In Saks‘ jüngstem Werk, «State and Design», nimmt er Platz zwischen einem alten Revox-Tonband und Stelen mit Getränken und Südfrüchten vor einem Tisch, auf dem ein bereits zerstörtes Gips-Modell heftig staubt. Der Tänzer als Archäologe, als Beschwörer der Vergangenheit entführt in eine nicht länger rekonstruierbare Zeit und feiert sie mit weit ausholenden Armen. Immer wieder tanzt er mit dem Rücken zum Publikum, als würde unser Blick seine Versuche behindern, die Artefakte der Vergangenheit greifbar ...
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Im März: Tanz im Exil
Seit zwei Jahren ist die französische Kulturhistorikerin Laure Guilbert als Gast-Wissenschaftlerin der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder und des Centre Marc Bloch auf der Suche nach Material für ihr Forschungsprojekt «Migrant Dancing. Exil und Diaspora der deutschsprachigen Tanzszene 1933 – 1949». Sie ist nicht nur in Archiven fündig...
Der berufliche Tanz ist nicht unbedingt der private. Wenn ich nach einer Vorstellung die Möglichkeit zum Tanzen vorfinde, denke ich manchmal: «Danke, hab ja schon.» Als noch die Sonne schien, verspürte ich auf einer Marathonveranstaltung beim Dortmunder Festival «Favoriten» nach zwölf Stunden Dauertanz nur noch einen Wunsch: mit dem Rollstuhl an eine Bar gebracht...
Als der Jesuitenpater Adamus Gertl im Sommer 1678 nach langer Reise aus Österreich den Hafen von Sevilla erreichte, ging es ihm wie vielen Missionaren: Er kam zu spät. Die spanische Flotte hatte bereits abgelegt. Das nächste Schiff nach Amerika sollte erst in einem Jahr auslaufen. So hatte er Zeit, das Leben in der Stadt zu beobachten. Wenig überraschend,...
