Tanz die Liturgie

Die Kirche ist bis heute als Tanzfeindin verschrien. In den Kathedralen des Spätmittelalters aber hielten Geistliche Zwiesprache mit Gott – in kollektiver Körperschwingung

Als der Jesuitenpater Adamus Gertl im Sommer 1678 nach langer Reise aus Österreich den Hafen von Sevilla erreichte, ging es ihm wie vielen Missionaren: Er kam zu spät. Die spanische Flotte hatte bereits abgelegt. Das nächste Schiff nach Amerika sollte erst in einem Jahr auslaufen. So hatte er Zeit, das Leben in der Stadt zu beobachten. Wenig überraschend, begeisterte sich der Geistliche vor allem für die aufwendig gestalteten Gottesdienste und Prozessionen. Was ihn dabei besonders erstaunte: Gerade an hohen Feiertagen wurde in und vor den Kirchen getanzt.

Für Ostern notierte er, dass zwölf Tänzerinnen mit Kastagnetten und zwölf Tänzer eine große Prozession begleiteten, und an Fronleichnam sah er die Chorknaben in der großen Kathedrale tanzen, wofür das Domkapitel extra einen bekannten Tanzmeister bezahlte.

Nicht nur der österreichische Jesuit zeigte sich verwundert. Auch heute noch erscheint die Vorstellung von Tänzen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kirchenraum auf den ersten Blick befremdlich. Gilt die vormoderne Kirche doch allgemein als körper- und tanzfeindlich, als Institution, die den Tanz in den Kirchen als Teufelsdienst ausnahmslos verdammte. Allerdings trügt ...

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tanz_02_2017

Tanz Februar 2017
Rubrik: Traditionen, Seite 54
von Philip Knäble