Zwischen den Polen
Der Potentat bleibt unsichtbar, vier Stunden lang. Aber man hört ihn, seine Allmacht, die sich sogar über die (vier) Vorzeichen hinwegzusetzen vermag. Magische drei Mal erklingt gleich zu Beginn Keikobads markant-düsteres as-moll-Initial; punktiert, fortissimo fällt es in den Raum, wie ein Baumstamm, aus dem heraus sich, piano, das zaghaft-zaudernd aufwärts gerichtete Motiv der Amme schält, signifikantes Dokument der Abhängigkeit. Spürbar ihre Angst, noch bei den Worten «Bist du es, Herr?», die den Geisterkönig musikalisch erneut herbeiwähnen, bebt die Menschenhasserin.
Kent Nagano mildert die Vehemenz dieses Auftritts merklich. Sein Keikobad erscheint, mezzoforte, weit mehr als geheimnisvolle Instanz, als sublime Bedrohung, nahezu surreal. Den gesamten ersten Akt hindurch verbleibt die Musik in diesem misterioso-Charakter, wird damit zum Abbild der dichterischen Vorstellung. In einem frühen Stadium der Entstehung hatte Hugo von Hofmannsthal das Werk als «Zaubermärchen» bezeichnet und ihm ein Wort Goethes zugrunde gelegt: «Von dem Gesetz, das alle Wesen bindet, / Befreit der Mensch sich, der es überwindet.»
Das gilt nicht nur für die sagenhafte Geschichte, eine enigmatische ...
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Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Jürgen Otten
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