Zwiespältig
Während Tonios Prolog wird hektisch das Bühnenbild aufgebaut. Serena Sinigaglia, die nördlich der Alpen noch wenig bekannte Regisseurin aus Mailand, fügt Leoncavallos «meta-theatralem» Geniestreich eine zusätzliche Brechung hinzu. Wenn Tonio Theater als Theater ankündigt, bevor das Melodram dann doch in das «wahre» Leben, genauer: das «wahre» Morden umkippen wird, muss er – noch auf der Bühne der «Cavalleria rusticana» – seinen Platz gegen ruppige Bühnenarbeiter behaupten. Und nicht nur das: Auch das italienische Nachkriegskino wird herbeizitiert.
Die Weizengarben scheinen «La notte di San Martino» der Brüder Taviani entlehnt, die farbenfrohen Kostüme des Chors dem Fundus der Cinecittà aus den ehrwürdigen 1950er-Jahren.
Im weiteren Verlauf verliert die Inszenierung an Tempo. So hätte man auch den Figuren der Commedia dell’arte-Aufführung im zweiten Akt ähnlichen Feinschliff gewünscht wie am Beginn dieser «Pagliacci». Doch fasziniert Sinigaglia mit ebenso souveräner wie differenzierter und humorvoller Führung des Chors. Nicht nur handwerklich, sondern vor allem mit vielen Zwischentönen stellt sie die Inszenierung der «Cavalleria rusticana» in den Schatten. Diese Arbeit der ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Anselm Gerhard
Wolfgang Borchert, der Literat der Stunde, formulierte es so: «Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist der Abgrund.» Borchert war 1921 geboren und traf unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg den Nerv der Zeit; «Trümmerliteratur» hat man das später genannt. «Draußen vor der Tür» heißt sein einziges Schauspiel, und es umreißt ein...
«Traurig», stöhnte der Meister übers Libretto aus der Textwerkstatt à la Scribe, «demütigend», «uninteressant». Dann auch noch eine Primadonna, die kurzfristig aus Paris verschwand: Giuseppe Verdis «Les Vêpres siciliennes», so scheint es, sind die Presswehen noch heute anzumerken. Also Machwerk? Oder doch Vorzeichen der Moderne? Dabei fällt der Fünfakter ja gar...
Am Anfang ist das dunkle, kalte Nichts. Der leere Raum vor schwarzglänzenden Brandschutzmauern. Nach funkelnder Operette sieht es kaum aus. Und das wird sich zunächst auch nicht ändern. Denn von der Seite schiebt sich ein Thespiskarren mit der Aufschrift «Varieté Vanitas» herein, gezogen von einem puttogleichen Wesen (Rüdiger Frank). Cupido ist’s, aber er ist nicht...
