«Zur Besinnung kommen»
Die Entstehungsgeschichten von «Krieg und Frieden» als Roman und als Oper weisen verblüffende Parallelen auf. Als Tolstoi begann, schwebte ihm eine Familienchronik mit Happy End vor. Die Dynamik jener historischen Periode, in der er das Geschehen ansiedeln wollte, führte aber zur allmählichen Weitung der Perspektive aufs große Ganze: Napoleons Russlandfeldzug, der nationale Abwehrkampf, seine Katastrophen und Umwälzungen, Niederlage und Rückzug der Franzosen, samt allen historischen und militärischen Faktoren, die zu diesem Geschehen beitrugen.
Nicht anders Prokofjew: Er hatte eigentlich im Sinn, den Roman auf den Kern der «privaten» Handlung zuzuspitzen – eine Liebesgeschichte als Abfolge «lyrischer Szenen» im Sinne Tschaikowskys. Hier war es der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941, der alle Pläne umwarf. Die Parallele der Kriegshandlungen drängte sich auf; Stalin verlangte patriotische Ansprachen und Chöre, die Prokofjew nach und nach in das Werk einführte – was die ohnehin beträchtlichen dramaturgischen Probleme dieses gigantischen Opernromans potenzierte. Vollständig kam das Stück erst nach Prokofjews (und Stalins) Tod auf die Bühne. In beiden Fällen war es, als hätten ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Ingo Dorfmüller
Längst haben Countertenöre die Kreise der Alten und Neuen Musik verlassen und begonnen, sich auch das dazwischen liegende Repertoire anzueignen. Jochen Kowalski war einer der Ersten, der Liederabende mit einem klassisch-romantischen Programm riskierte – und Gehör fand. Philippe Jaroussky gelang 2009 eine kleine Sensation mit seinem wahrhaft berauschenden Album...
Wer ist die Hauptperson in Giacomo Meyerbeers 1865 an der Pariser Opéra posthum aufgeführter Oper: Vasco da Gama, der portugiesische Eroberer und Entdecker des Seewegs nach Indien, oder seine von ihm verlassene farbige Geliebte Sélika? Auf diese für das Verständnis des Werkes entscheidende Frage geben die textlichen und musikalischen Quellen keine eindeutige...
Er war Lieblingsschüler und Freund Franz Liszts und ein zu seiner Zeit in mehreren Genres erfolgreicher Komponist; heute ist er aus dem Opern- und Konzert-Repertoire vollständig verschwunden: Anton Urspruch (1850-1907), dessen Werk man mit dem Etikett «spätromantisch» nicht ganz gerecht wird. Seine komische Oper «Das Unmöglichste von Allem», 1897 unter Felix Mottls...
