Zum Fressen gern
Am Ende fallen die vermeintlich Geschädigten bei Achim Freyer an der Wiener Volksoper über Don Giovanni her, zerreißen ihn, statt ihn zur Hölle fahren zu lassen, und vertilgen ihn genüsslich. «Questo è il fin di qui fà mal», so ende, wer Böses tut, behaupten sie im Besitz selbstgerechter Moral. Der Verführer und Wüstling ist perdu, das Leben kann seinen normalen Gang gehen.
Doch was ist normal? Auf jeden Fall wirkt das D-Dur, sonst Ausdruck für Don Giovannis Élan vital, in der scena ultima dieser Oper irgendwie formelhaft, weniger glanzvoll als davor, etwa zu Beginn der «Tafelszene aller Tafelszenen» (Wolfgang Hildesheimer). Und auch die Sechs wirken irritiert. Sollten sie den Don bereits vermissen und hinter Geschäftigkeit ein Gefühl der Leere verbergen?
Wer Böses tut? Könnte das vermeintlich Üble vielleicht auch daran liegen, dass die von Don Giovanni verführten und verlassenen Damen das genossene Gute nicht erneut, und immer wieder, erfahren dürfen? Hector Berlioz machte sich so seine Gedanken über die Koloraturen der Donna Anna im Allegretto-Teil ihrer zweiten Arie: Sie scheine, meint er, «hier ihre Tränen zu trocknen und sich plötzlich in unschicklichen Posen zu ergehen ...» ...
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Opernwelt Januar 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Gerhard Persché
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