Zu viele Perspektiven

In Stefan Herheims «Walküre»-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin fügen sich die Deutungsfetzen nicht zum sinnfälligen Konzept, Donald Runnicles dirigiert die Wagner-Partitur unaufgeregt pauschal

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Der musikalisch ungemein hellhörige Philosoph Ernst Bloch entdeckte die Anagnorisis als «Topos für einen ungeheuren Einschlag in einem dadurch ungeheuer werdenden Augenblick, in dem die Musik zeigen muss, was sie kann». Als ein grandioses Beispiel für das klassische dramatische Element in der aristotelischen Tragödie beschreibt er das Wiedererkennen der seit Kindertagen voneinander getrennten Zwillinge Sieglinde und Siegmund in Wagners «Walküre». Ihr Rencontre gipfelt in der vollendeten Form des menschlichen Erkennens – in der Erfüllung des Liebesakts.

Der Bayreuther Meister, der im «Ring» nicht zuletzt eine erotische Gesellschaft porträtiert, wusste hier Energien freizusetzen, die in genau einer Opernstunde vom Cellokantilenen-sanften, noch zaghaften präinzestuösen ersten Blick bis zur sexuellen Explosion führen. Wagners wissendes Orchester ist dabei stets mehr als einen Schritt weiter (und weiser) als die handelnden Personen. Es ahnt, es antizipiert, was unweigerlich kommen muss. Wagner nutzt die Leitmotive zur zeitlichen Disposition des Voraus- und Zurückschauens und somit auch als unsere Rezeption lenkende Gefühlswegweiser, um die Phasen des Wiedererkennens als subtile ...

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Opernwelt November 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Peter Krause

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