Zu viele Perspektiven
Der musikalisch ungemein hellhörige Philosoph Ernst Bloch entdeckte die Anagnorisis als «Topos für einen ungeheuren Einschlag in einem dadurch ungeheuer werdenden Augenblick, in dem die Musik zeigen muss, was sie kann». Als ein grandioses Beispiel für das klassische dramatische Element in der aristotelischen Tragödie beschreibt er das Wiedererkennen der seit Kindertagen voneinander getrennten Zwillinge Sieglinde und Siegmund in Wagners «Walküre». Ihr Rencontre gipfelt in der vollendeten Form des menschlichen Erkennens – in der Erfüllung des Liebesakts.
Der Bayreuther Meister, der im «Ring» nicht zuletzt eine erotische Gesellschaft porträtiert, wusste hier Energien freizusetzen, die in genau einer Opernstunde vom Cellokantilenen-sanften, noch zaghaften präinzestuösen ersten Blick bis zur sexuellen Explosion führen. Wagners wissendes Orchester ist dabei stets mehr als einen Schritt weiter (und weiser) als die handelnden Personen. Es ahnt, es antizipiert, was unweigerlich kommen muss. Wagner nutzt die Leitmotive zur zeitlichen Disposition des Voraus- und Zurückschauens und somit auch als unsere Rezeption lenkende Gefühlswegweiser, um die Phasen des Wiedererkennens als subtile ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Peter Krause
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Gemeinhin gilt eine Filmmusik dann als adäquat, wenn sie hinter oder unter den Bildern so verschwindet, dass man sie nicht mehr bewusst wahrnimmt: Musik als Funktionsträger, als Geschmacksverstärker. Damit hat freilich der 61-jährige Kölner Johannes Kalitzke nichts am Hut. Seit geraumer Zeit beschäftigt sich der Komponist und Dirigent (nicht nur in eigener Sache)...
Das Damoklesschwert der Corona-Quarantäne schwebt über uns allen. Kein Wunder, dass Träume zu Alpträumen mutieren und Bilder der Zwangsisolation, die uns noch lange begleiten werden, die Theaterszene beherrschen. Ein Stück wie Henry Purcells in den 1680er-Jahren entstandene Kurz-Oper «Dido and Aeneas», die als klassisches Modell des männlichen Liebesverrats gilt,...
