Zu Viel! Zu Viel!
Wer Kunst schafft, will Ewigkeit – Unsterblichkeit im eigenen Werk. Heinrich Tannhäuser, als Minnesänger eine Art Singer-Songwriter des Mittelalters, ist in der Liebeshöhle der Venus auf dem besten Weg zu solchen höheren Weihen. Er komponiert, und die Göttin ist bereit, ihn zum Gott zu machen. Dazu muss er allerdings an ihrer warmen Brust verweilen. Doch der Künstler ist der holden Wunder müde, er sucht die Freiheit, das wahre Leben und das echte Leiden – die eigene Endlichkeit ist darin einkalkuliert. Der Frustrierte will raus aus dem Venusberg.
Sein Stoßseufzer «Zu viel! Zu viel!» rekurriert in David Hermanns Lyoneser Inszenierung indes nicht auf die multiplen Möglichkeiten der sexuellen Befriedigung im Reich der Venus. Denn die Göttin und ihre Assistentinnen sind gar keine Damen aus Fleisch und Blut. Es sind digital generierte, etwas staksige Maschinen der Lust, die echten Frauen nur täuschend ähnlichsehen. Tannhäuser tummelt sich in der Welt von Avataren. Der Venusberg als Virtual Reality – das ist hübsch erdacht, übersetzt es doch die Vision des 19. Jahrhunderts jener «Paradis artificiels» in unsere Gegenwart, wie es der frühe Vertreter der Moderne und dichtende Wagnerianer ...
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Opernwelt 12 2022
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Peter Krause
Mit Kurt Weill als Musical-Komponist fremdelt man im deutschsprachigen Raum nach wie vor. Ein Beispiel ist Weills «Lady in the Dark» (von 1941) mit den Gesangstexten von Ira Gershwin und dem Libretto von Moss Hart. Spätestens nach dem Erfolg der Hollywood-Satire auf die Fashion-Welt «Der Teufel trägt Prada» (2006) mit Meryl Streep in der Rolle der eisernen...
Erklären, erhellen, das ist in dieser Causa oft vergebliche Regiemüh’! Weil sich die Märchen-Mythen-Psycho-Melange von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal gegen Stringenz und Linearität sperrt – was an sich nichts Negatives sein muss. Und leicht ließe sich ja lächeln über die «Frau ohne Schatten», die zwischen explodierter «Zauberflöte» und monumentaler...
Sind das Wasserleichen, die da in diesem riesigen, hellen und mit kühlem Nass befüllten Kubus liegen? Langsam beginnen diese Wesen, sich – choreografisch wohlsortiert kreisend – in ihrem Element zu wälzen, breiten die Arme aus und lassen sie auf die Oberfläche platschen. Später bilden sie allerhand Knäuel und Klumpen, ihre Körper scheinen miteinander zu...
