Zu kurz gedacht
Ach ja, die Liebe. Eine haarige Angelegenheit, heute mehr denn je. Die allesverschlingenden Märkte haben auch diese schönste Hauptsache der Welt amalgamiert; Gefühle sind im Wesentlichen ersetzt durch Akkumulation von Kapital, welches sie, als materialistische Konstante, darstellen. Der Planet bevölkert von lauter entfremdeten Konsumaffen, deren einziges Bestreben in der Selbstbefriedigung liegt und deren Seele jämmerlich auf dem Grabbeltisch verkümmert.
Eine düstere Vision? Nicht für Tobias Kratzer. Für ihn scheint Liebe kaum mehr zu sein als romantisch-gestrige Gefühlsduselei.
Das zumindest muss man annehmen nach Anschauung des Doppelabends an der Oper Halle, wo Kratzer, umworbener Darling der Szene und frisch gekürt mit dem prestigeträchtigen Theaterpreis Der Faust, zwei Werke verklammert hat, zwischen denen ein äußerst zartbesaitetes Band verläuft – sieht man einmal von der Tatsache ab, dass sowohl in Mozarts Jugendstreich «Bastien und Bastienne» als auch in Zemlinskys Wilde-Adaption «Eine florentinische Tragödie» drei Personen aufeinandertreffen, von denen eine als Störenfried (oder, je nach Perspektive, als Supervisor) fungiert: eine Konstellation, die Konflikte konstituiert ...
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Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Jürgen Otten
Er war groß, athletisch und charmant, trug Spitzbart und ständig eine Pfeife im Mund – außer natürlich bei seinen Konzertauftritten. Und er führte stets Fotos seiner Kinder mit sich, zum Beweis, dass eine hohe Stimme im männlichen Körper nichts mit reduzierter Virilität zu tun haben musste: Alfred Deller. Insbesondere dem Contra-Tenor aus dem englischen Margate...
Wie umgehen mit diesem heiklen Dramma serio per musica, das da 1791, in Mozarts Todesjahr, noch rasch als «Krönungsoper» für Leopold II. – ein Auftrag aus Prag – erledigt werden wollte? Pietro Metastasios vielfach erprobtes Sujet war vorgegeben. Der römische Kaiser Titus, beileibe kein mildtätiger Herrscher, lässt nach Liebesintrige und Mordkomplott Gnade vor...
Die Mezzosopranistin Jelena Obraszowa, die im Januar 2015 in einem Leipziger Krankenhaus verstarb, war nicht nur eine der großen Primadonnen ihrer Zeit, sondern auch ein russisches Nationalheiligtum. Mehr als ein halbes Jahrhundert stand sie auf der Bühne, zuletzt in Charakterpartien wie der «Pique Dame»-Gräfin und der Babulenka in Prokofjews «Der Spieler».
Alexe...
