Zerbrochene Worte
Kein Mond, nirgends. Das Universum ist schwarz. Und doch schwebt das ferne, dabei so nahe menschengesichtsgleiche Gestirn über allem, was die Muse dem Dichter eingab, was sein Gefühl durchflutet. Immer wieder ruft Pierrot, fantastische Gestalt im Weltinnenraum, diesen nächtig todeskranken Planeten an, der da auf des «Himmels schwarzem Pfühl» wohnt und dessen Blick, «so fiebernd übergroß», ihn bannt «wie eine fremde Melodie», die aus seinem Kopf nicht weichen mag.
Ach, Pierrot lunaire! Mondsüchtiges Subjekt!
Bis heute üben Albert Girauds (von Otto Erich Hartleben kongenial ins Deutsche übertragene) Verse eine ungebrochene Faszination aus, vielleicht gerade deswegen, weil man sich in dieser surreal-symbolistischen Traumlandschaft so ungemein frei bewegen kann; und ebenso, weil Arnold Schönbergs Melodram, das 21 der 51 Gedichte vertont, in seiner Mischung aus Transparenz und Transzendenz so wunderbar die Stimmung jener Zeit beschreibt, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, als das modrige gesellschaftliche Klima des Fin de Siècle, ja, der Verdruss am Dasein selbst so eigentlich wache Geister wie Thomas Mann dazu verführte, den Krieg, gleichsam als Verkörperung des Prinzips einer erhabenen ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten
Oscar Wilde widersprach dem Moralkodex: «A dirty mind is a joy forever». Auch der Sänger Sting meinte, es gebe keine Religion außer Sex und Musik. Beide wären der Hölle versprochen, wenn der Schöpfer dem Menschen sarkastischerweise den mächtigsten Trieb geschenkt hätte, nur um diesen im Gegenzug zu verdammen. Doch die Kunst hat sich im Innersten wohl nie um die...
Eine schwierige Angelegenheit ist sie, die Liebe in den Zeiten von Corona. Hinter der Bühne, auf der Bühne, ach, überall, immerzu. Und dann dieses Stück, das durchtränkt ist vom Begehren, von der alles überwindenden Kraft der Zuneigung zweier junger Menschen, die ihr Herz gleich bei der ersten Begegnung an ihr Gegenüber verlieren und einander am liebsten auf der...
Anno 1728, auf der einsamen Höhe seiner auf das Wesentliche fokussierten Kunst des Komponierens, lässt Händel die Tropfen des bitteren Kelches gleichsam in die Venen des Helden Tolomeo einsickern. Der wähnt sich dem selbst gewählten Gifttode ganz nah, als er in seiner Arie «Stille amare, già vi sento» fragt: «Wo bin ich, lebe ich noch?» Der einstige König von...
