Ambivalent
Die Lizenz zum Texttöten erstreckt sich längst auf das gesamte Repertoire, aber der «Fidelio» genießt bei Regie-Tyrannen immer noch einen hohen Rang, wenn es darum geht, einem Libretto den Garaus zu machen. Mit Beethovens epochaler Rettungs- und Befreiungsoper konnten sie alle etwas anfangen, Monarchisten anno 1814 und Demokraten anno 1848, Faschisten wie Bolschewisten, die Gründungsväter der Bundesrepublik und die Semperoper am Vorabend der Wende 1989.
Der politische Häftling Florestan schreit offenbar danach, ihm eine kollektiv vergrößerte Identität anzudichten; so personifizierte er scheinbar mühelos das gegen den Kapitalismus kämpfende Proletariat (Leningrad 1928) oder ein vom Versailler Vertrag geknebeltes arisches Volk (Berlin 1937, Wien und Aachen 1938). Auch die Studenten der APO durften sich schon angesprochen fühlen, und zwar ganz pünktlich 1968 dank einer Kasseler Vulgärversion, die das Original radikaler zerstörte als alle vorhergehenden Ideologisierungen. Seitdem wird wie toll rausgeworfen und reingeschrieben, Libretto und Musik sind zu einem Selbstbedienungsladen geworden – das ist sicher nicht die Freiheit, die Beethoven meinte, mittlerweile aber Usus. Zu diesem ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Volker Tarnow
Erzählt wird eine Geschichte von nachgerade biblischer Archaik: Beim Ansturm der Tataren, wir schreiben das Jahr 1243, flehen die Bewohner der Stadt Kitesh zu Gott, er möge das Schicksal wenden und sie vor dem sicheren Tod bewahren. Der Höchste zeigt sich gnädig gestimmt und lässt die Stadt samt Einwohnerschaft kurzerhand im Erdboden versinken – alle sind gerettet!...
Hätte es 1870/71 zwischen Frankreich und Preußen keinen Krieg gegeben, dann gäbe es in Giuseppe Verdis «Aida» wohl weder die «Nil-Arie» noch das Orchestervorspiel zum dritten Akt, das die Atmosphäre einer überhitzten Nacht am Fluss so genial einfängt. Denn weil zum eigentlich für Kairo geplanten Uraufführungstermin Bühnenbilder und Kostüme im belagerten Paris...
Es ist ein prachtvoller Bildband, den der Schott Verlag zu seinem 250. Geburtstag herausgebracht hat: eine Übersicht all der Erstausgaben, der Niederlassungen in aller Welt, vor allem aber der großen Komponisten, die man bei ihrer Arbeit begleitet und auch bezahlt hat, von Beethoven über Wagner bis Strawinsky, von Hans Werner Henze über György Ligeti bis Chaya...
