Wie in einer Revue
In keiner anderen Puccini-Oper ist Lokalkolorit so beherrschend wie in «Turandot». Denn das märchenhafte China bildet nicht nur die exotische Kulisse des Geschehens; unüberhörbare Anleihen aus Fernost finden sich auch in der Partitur. Kein Zufall also, dass «Turandot» traditionell ein beliebter Gegenstand von kostümseligen Monumentalaufführungen unter freiem Himmel oder in zweckentfremdeten Fußballarenen ist, bei denen die Arbeit des Regisseurs sich meist in der Verschiebung der Massen erschöpft.
Dabei schreit die obskure Geschichte der eisigen Prinzessin geradezu nach kluger Regie, nach Motivsuche bei den Protagonisten und Aufschluss der dunklen Vorgänge. Was nicht gleich in rüde Aktualisierung münden muss (wie Bilderstürmer Tilman Knabe es am Essener Aalto-Theater zeigte, als er die Handlung ins moderne Peking verlegte und die Grausamkeiten des Geschehens zuspitzte). Wer aber auf einer märchenhaften Ausstattung besteht, sollte dem zumindest eine schlüssige Entwicklung der Figuren entgegenzusetzen haben.
In Bonn unternimmt das Regieteam aus Silviu Purcarete und Nikolaus Wolcz nicht einmal den Versuch, das Geschehen plausibel zu erzählen, geschweige denn, es mit Aktualität ...
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