Wer schlägt, der liebt
Dass seine einzige vollendete Oper mehr als ein Jahrhundert später eine derartige Brisanz entfalten würde, hätte sich Paul Dukas wohl kaum träumen lassen. Bis heute stellt «Ariane et Barbe-Bleue» der modernen Gesellschaft eine überaus präzise Diagnose. Das beweist Àlex Ollés Inszenierung am Teatro Real, die gnadenlos die Fassade von Gleichberechtigung und Wohlstand entlarvt. Auf der Bühne erwachen erschütternde Eurostat-Daten zum Leben: Rund 30 Prozent der Europäerinnen erleben häusliche Gewalt.
Die vermeintlich erfreulichen Statistiken mancher EU-Staaten zeugen keineswegs von einer abwesenden Tyrannei, sondern vom Schweigen der Opfer.
Die von Maurice Maeterlinck adaptierte Handlung eines Perrault-Märchens ist kurz und simpel: Ariane – Blaubarts sechste Ehefrau – widersetzt sich dem Verbot ihres Gatten und entdeckt im Verlies Schätze sowie fünf verschwundene Vorgängerinnen. Sie versucht, die Frauen ans Tageslicht zu führen, doch diese weigern sich beharrlich: Aus Furcht vor der Freiheit ziehen sie das vertraute Sklavendasein vor.
Der Auftakt zu Àlex Ollés Madrider Inszenierung wirkt zunächst befremdlich. Im Fast-Dunkel öffnen Ariane und ihre Amme die Schatzkammern, ihre ...
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Opernwelt April 2026
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Konstantin Nikischin
Am Anfang ist der Ton. Oder besser: Es sind vier Töne. Eine kleine Sekunde aufwärts, eine kleine Sekunde abwärts, dann ein Quartfall. Vier Töne, vier Silben: O-ce-a-ne. Noch bevor Oceane von Parceval, die geheimnisvolle Protagonistin von Detlev Glanerts gleichnamiger Oper, auf der Bühne erscheint, ist die Melodie ihres Namens schon präsent – als unbegleitete...
Der französische Künstler-Agent Olivier Lalane hat einen Komponisten entdeckt und, weil er ihn für ein vergessenes Genie hält, gleich ein Label gegründet, das auf zwei CDs eine Auswahl seiner Lieder und Kammermusik vorstellt. Die Recherche zur Person von Oskar C. Posa (1873–1951) dokumentiert Lalane in einem ausführlichen, mit vielen Text- und Bilddokumenten...
Draußen vor der Tür poltert die Tram über die Schienen, drinnen wartet einer vergebens darauf, dass sie kommt. Stattdessen pocht Fortuna an die Pforten, ganz vorsichtig, pianissimo, zugleich mit größter Intensität, con espressione und vom Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Michele Mariotti eindrücklich musiziert: wie ein Damoklesschwert aus...
