Weine, Russland, weine!

Mussorgski: Boris Godunow FRANKFURT | OPER

Opernwelt - Logo

Der Zar taumelt aus einem pechschwarzen, mannshohen Fabergé-Ei. Die reichverzierte Schale ist aufgebrochen, im Innern befindet sich der Zarenthron. Das Zentrum der Macht erscheint so prächtig wie fragil. Allein die Präsenz, mit der Alexander Tsymbalyuk in der Titelpartie der blutigen Höhle entsteigt, wie er überhaupt mit seinem gewaltigen Bass ein grandioses Psychogramm des von Schuldgefühlen zerfressenen, von Wahnvisionen heimgesuchten Herrschers zeichnet, hätte problemlos durch den viereinhalbstündigen Opernabend getragen.

Doch Mussorgskis nach der Textvorlage von Alexander Puschkin geschaffene Zarenoper zielt weit über die Seelenkämpfe des zum Mörder gewordenen Titelhelden hinaus.

Der eigentliche Protagonist ist die russische Geschichte. Verbrecherische Herrschaft, Manipulation, Unterdrückung und Revolte, dazu ein zu allen Zeiten geschundenes Volk – das ist der düstere Stoff, aus dem «Boris Godunow» gemacht ist. Historisch ist das Bühnenwerk vor dem ersten russischen Bürgerkrieg im 17. Jahrhundert verortet. In der selten gespielten Schostakowitsch-Fassung von 1939, die nun in Frankfurt gezeigt wird, fließt zudem die Perspektive der Stalin-Ära mit ein. Das brillant spielende ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2026
Rubrik: Panorama, Seite 59
von Silvia Adler

Weitere Beiträge
Jenseits des Biedermeier

Unterschiedlicher hätten sie nicht sein können. Ihre einzige Gemeinsamkeit war der Erfolg. Otto Nicolai wuchs in Königsberg unter prekären Verhältnissen auf. Der Vater prügelte ihn und trennte sich früh von der Mutter, für deren psychisches Leiden er ebenfalls verantwortlich war. Das Kind wuchs bei Pflegeeltern auf. Vater und Mutter traten später nur noch in...

Gläserne Seelen

Mélisande hat eine Seele, die wir nicht verstehen: Kristallin ist sie und fiebrig vor Angst, durchscheinend und doch unergründlich. An diesem Premierenabend in der Bergen Nasjonale Opera verkörpert das nicht nur die fabelhafte Sofia Nesje Enger in der Titelrolle, der Dirigent Dinis Sousa und der Regisseur Alan Lucien Øyen denken in schönem und selten so...

Erfrischend originell

Mag ihre biblische Authentizität auch in Frage stehen: Zum Kanon des Alten Testaments wird Judith allemal gezählt. Sie kann sogar als populärste weibliche Gestalt der Heiligen Schrift gelten. Die Frau, die ihr Volk von den Assyrern befreite, indem sie deren Heerführer Holofernes enthauptete, hat nämlich eine erstaunliche Zweitkarriere in der Kunstgeschichte...