Gläserne Seelen
Mélisande hat eine Seele, die wir nicht verstehen: Kristallin ist sie und fiebrig vor Angst, durchscheinend und doch unergründlich. An diesem Premierenabend in der Bergen Nasjonale Opera verkörpert das nicht nur die fabelhafte Sofia Nesje Enger in der Titelrolle, der Dirigent Dinis Sousa und der Regisseur Alan Lucien Øyen denken in schönem und selten so eindrucksvoll zu erlebendem Einklang das größere Ganze mit.
Nicht das Verschmelzen oder gar Verwaschen der Reize lässt den musikalischen Impressionismus lebendig erscheinen, sondern die Clarté der ungemischten Klangfarben.
Sousa lässt im akustisch gefährlich offenen Orchestergraben der Edvard Grieg Hallen das gut aufgelegte Bergen Philharmonic Orchestra in brunnenklar unterscheidbaren Registern erklingen. Fast vibratolos lässt er die Soli des Konzertmeisters, die Streicherlinien, die Holzbläser spielen – und bleibt dabei selbst im dreifachen Pianissimo nie im Ungefähren. Für dieses orchestrale Klanggemälde die perfekte Sängerbesetzung gefunden zu haben, ist das Verdienst von Opernchef Eivind Gullberg Jensen: Alle bringen einen fast monochromen Grundklang mit, Julien Behr als Pelléas mit verhaltenem, aber sanft leuchtendem Tenor, ...
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Opernwelt Januar 2026
Rubrik: Panorama, Seite 58
von Stephan Knies
Es gibt viele Zugänge und Interpretationsmöglichkeiten zu Oscar Wildes Roman «Das Bildnis des Dorian Gray», und die nun in Poznań uraufgeführte Oper der 82-jährigen polnischen Komponistin Elżbieta Sikora auf ein Libretto des Regisseurs David Pountney ist auch nicht die einzige Dorian-Gray-Oper, ganz zu schweigen von den vielen Balletten, Theaterfassungen, Filmen...
Frei ist die Tonkunst geboren und frei zu werden ihre Bestimmung.» Mit dem kühnen Satz krönte Ferruccio Busoni 1907 seinen «Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst» – in der zweiten Fassung 1916 Rainer Maria Rilke, «dem Musiker in Worten verehrungsvoll und freundschaftlich dargeboten». Mit dem Schweben zwischen der Tradition und einer dank Schönberg sich...
Im vergangenen Frühjahr starb in Berlin schon Don Giovanni gleich zu Beginn (das war Kirill Serebrennikovs Idee an der Komischen Oper). An der Staatsoper Unter den Linden muss nun Hoffmann bereits in der Einleitung das Zeitliche segnen. Aus einem Nachtclub, dessen Leuchtreklame für einen Auftritt seiner Traumfrau Stella wirbt, wankt er heran. Kaum sackt er wie vom...
