Weimar, Rossini: Otello

Im Baukasten der Seelen

Da steht sie nun also, diese Frau. Das Leben hat es nicht gut gemeint mit ihr, oder besser: die Gesellschaft, die vorschreibt, wie ein Leben zu leben sei. Desdemona hat die ihr gegebenen Vorschriften ignoriert, bewusst ignoriert, hat sich, als ein Akt des offenen Widerstands, mit ungebremster Wucht gegen ihren Vater, den Patriarchen Elmiro gestellt, hat ihm ihr «Nein» zu seinem obskuren Lebensideal ins Gesicht geschleudert. Deswegen steht sie jetzt hier. Im unschuldsweißen Nachthemd. Mit einer Wasserschüssel über dem Kopf.

Daraus erst Tränentropfen, dann wahre Tränenbäche auf ihren geschundenen Körper fallen.
Ein starkes Bild einer starken Frau. Die Frau in der Revolte. Und wenn dann die Harfen und Flöten im Orchester anheben, die Canzone der Desdemona «Assisa a’piè d’un salice» mit flirrend ätherischen Tönen zu begleiten, und wenn die wunderbare Ulrika Strömstedt dieses Herzstück des Dramma per musica «Otello (Otello ossia Il moro di Venezia)» von Gioacchino Rossini mit einer inniglichen Inbrunst singt, dann ist man sehr geneigt, die Welt für eine Sekunde anzuhalten und dieser Frau dort oben auf der Bühne sein ganzes Herz, all seine Illusionen zu schenken. Und was will man mehr, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2005
Rubrik: panorama, Seite 48
von Jürgen Otten

Vergriffen
Weitere Beiträge
Prophylaktische Vorsicht: ein Buch zum 100. Geburtstag von K. A. Hartmann

Am 2. August 2005 jährt sich der 100. Geburtstag von Karl Amadeus Hartmann – für Ulrich Dibelius und seine Mitstreiter der Anlass, über Leben und Werk dieses Unzeitgemäßen nachzudenken. «Wahrheit, die Freude bereitet und mit Trauer verbunden ist» – dies Hartmanns Leitspruch –, hat zu keiner Zeit Konjunktur. Diese Verklammerung von tiefer Trauer und optimistischer...

Der Tor und der Tod

Sonderlich beliebt sind sie nicht, die alten Schweden. Fragt man in Stockholm nach nationalen Klassikern des Tonsatzes, kommen Einschätzungen wie «nicht wirklich gut» (der Komponist Anders Hillborg über den Komponisten Kurt Atterberg) oder das Bekenntnis «klingt mit Retuschen besser» (der Dirigent Manfred Honeck über den Komponisten Franz Berwald). Unverdrossen...

Im Bett des Beys

Restauration oder Revolution, das ist hier, gleichsam als Fallbeispiel für die Gattung, die Frage: Glaubt man Heinrich Heine, der Leben und Werk seines Zeitgenossen Gioacchino Rossini mit großem Interesse verfolgte und kommentierte, dann lässt sich Ersteres aus der Musik des genialischen Italieners heraushören; neigt man hingegen der Ansicht Antonio Amores zu, dann...