Wahrheit existiert nicht mehr
Die Tendenz ist offenkundig: Viele junge Regisseure, Regie- und Bühnenbildstudierende haben kaum Interesse daran, die bekannten rund sechzig Opern einfach weiter auszupressen, auf der Suche nach einem neuen Sinn. Andererseits: Die Oper fasziniert. Dass sie mit dem Leben hier und heute nichts oder nur wenig zu tun hat, das will eigentlich niemand wirklich akzeptieren.
Welche Wege gibt es, unter solchen Voraussetzungen mit der Oper umzugehen? Und was kennzeichnet die Selbstwahrnehmung und Weltwahrnehmung der «Jungen»?
Weil sie keine klar definierten Feindbilder mehr haben und nicht mehr in den lange üblichen Täter/Opfer-Strukturen denken, darf man von den jungen Regisseuren keine großen, lauten Gesten des Protests erwarten. Sie wollen nicht mehr im herkömmlichen Sinn Stellung beziehen. Das bedeutet jedoch keine Gleichgültigkeit gegenüber politischen oder sozialen Missständen, sondern eher Zweifel, was und wie und ob überhaupt etwas bewertet werden soll und kann. Vor allem zweifeln die Jungen an sich selbst. Ein Rest an geborgten Verhaltensmustern aus Zeiten, in denen die Generation ihrer Eltern (auch via Regie) Fundamentalkritik am kapitalistischen System betrieben hat, lässt sie die ...
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Herr Hengelbrock, Sie gelten als Nonkonformist. Was stört Sie am Musikbetrieb?
Es ist eine Tendenz unserer Zeit und auch des hemmungslosen Kapitalismus, dass alles komprimiert wird auf die bestmöglichen Verwertungsmöglichkeiten. Wenn ich Musik reduziere auf die rein technischen Parameter – höher, tiefer, lauter leiser –, dann komme ich zwar mit wenig Proben aus,...
Als die Met 1991 John Coriglianos «The Ghosts of Versailles» herausbrachte, war jedem klar, dass die Oper zu lang ist. Aber wen interessierte das? Corigliano und sein Librettist William M. Hoffmann hatten in dem von ihnen erfundenen Genre der grand opera buffa eine mitreißende Arbeit abgeliefert, in der Mozarts und Rossinis «Figaro»-Personal auf die Gespenster...
