Vox humana
Die Romantiker schienen mit dem Gesang geboren. Die Literatur der Zeit jedenfalls ist voller Sänger. Figuren, die eigens gedichtete Lieder vortragen, die an den unterschiedlichsten Orten zu unterschiedlichsten Gelegenheiten ihre Stimme erheben, für die das Singen selbstverständlich zu sein scheint. Der Gesang wird zum Lebensgefühl einer Epoche. Ihnen folgten die Realisten – und die Melodien verstummten.
«Dafür werden Gesang und Stimme detaillierter beschrieben und mit der Psychologie der Figuren in Verbindung gebracht», behauptet Franziska Ehinger zu Beginn einer Untersuchung, in der sie ein musikalisches Randthema in der Literatur von Gottfried Keller, Eduard von Keyserling und Thomas Mann unter die Lupe nimmt. Wie also – so lautet die allgemeine Frage – spiegelt sich in literarischen Texten eine Entwicklung, die bis heute anhält und die zum Spiegel eines merkwürdigen gesellschaftlichen Wandels geworden ist? Denn Fakt ist: Es wird (zu) wenig gesungen. Während mit der Schwelle zum 19. Jahrhundert die Welt gesanglich durchdrungen schien – von singenden Vögeln über metaphorische, mithilfe des Stimm-Vokabulars wiedergegebene Schilderungen diverser Naturphänomene bis hin zum bloßen ...
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