Von der Natur lernen
Unheimlich, die Stimmung am Flughafen. Die Menschen hielten großen Abstand. Ja, das war richtig und nötig. Aber gleichzeitig mieden alle die Blicke der anderen. Niemand lächelte. Es war unglaublich still. Stündlich kamen die Nachrichten über Reisebeschränkungen, Absagen, steigende Infektionszahlen. Mitte März. Gerade waren die Proben zu Poul Ruders’ Oper «The Handmaid’s Tale» nach dem Roman von Margaret Atwood an der Oper Kopenhagen abgebrochen worden. Ich hatte den letzten Flug nach Österreich vor der Grenzschließung erwischt.
Ich kam wohlbehalten an, mein Koffer blieb erst mal verschwunden. Noch in Schockstarre fuhr ich zu einer Gärtnerei und kaufte Gemüsesamen: für Tomaten, Salate, Blumenkohl. Solange ich nicht arbeiten kann, baue ich Gemüse an – das wollte ich schon lange machen. Weder ahnte ich, dass aus meinem Corona-Garten ein großer Dschungel wird, noch wie viel ich von meinen Pflanzen lernen würde.
Erstens: Die Pflanzen nehmen sich genau die Zeit, die sie brauchen, um zu wachsen oder sich selbst zu heilen. Schon lange vor der Pandemie habe ich mich intensiv mit diesem Thema beschäftigt: das Tempo des Lebens. Schließlich haben wir Dirigenten immer mit Tempo zu tun, in der ...
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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Thema, Seite 40
von Giedrė Šlekytė
«Beethoven è incazzato», ruft Riccardo Muti ins Orchester, als er am letzten Probentag den Auftakt zum Finale der «Eroica» gibt. Das Orchestra Giovanile Luigi Cherubini versteht den Maestro und dieses Adjektiv, das in seiner eigenen Giovinezza wohl nicht ganz jugendfrei war, mit «stinksauer» noch milde übersetzt ist, diesem Klangkörper aus den besten...
JUBILARE
Wenige haben den Diskurs über Oper und Musiktheater heute stärker geprägt als er. Mit Adorno, Heidegger und Derrida im Hinterkopf, begriff Klaus Zehelein künstlerisches Handeln stets als reflektierte Auseinandersetzung mit der Gegenwart des Vergangenen und der Geschichtlichkeit des Gegenwärtigen. Angefangen hat er in den 1960er-Jahren als junger...
Es glich dem «Lied überm Staub danach», rief Ingeborg Bachmann, Österreichs Zauberin des lyrischen Wortes, einer zerbrochenen Liebe nach. Gemeint war das Schauspiel «Jedermann» ihres Landsmanns Hugo von Hofmannsthal, das, zuvor in Berlin von der Kritik verrissenen, am 22. August 1920 über den Salzburger Domplatz schallte. Ein schlichtes Gastspiel aus der Hauptstadt...
