Magie des Geimeinsinns

Wie Riccardo und Cristina Muti das Ravenna Festival in ein Forum des Aufbruchs verwandeln

Opernwelt - Logo

«Beethoven è incazzato», ruft Riccardo Muti ins Orchester, als er am letzten Probentag den Auftakt zum Finale der «Eroica» gibt. Das Orchestra Giovanile Luigi Cherubini versteht den Maestro und dieses Adjektiv, das in seiner eigenen Giovinezza wohl nicht ganz jugendfrei war, mit «stinksauer» noch milde übersetzt ist, diesem Klangkörper aus den besten Nachwuchsmusikern Italiens aber auf direkte Weise das politische Pathos des Wahlwieners aus Bonn verdeutlicht.

Im Projekt «Le vie  dell'Amicizia» mischt Muti Jahr für Jahr seinen orchestralen Jungbrunnen mit Musikern aus einer Krisenregion, um nach intensiven Proben sowohl in Italien als auch in dem jeweiligen Partnerland gemeinsame Konzerte zu geben. In diesem Sommer ergänzen syrische Musiker das Cherubini-Orchester. Was Beethovens «per aspera ad astra» heißt, haben sie in eigenem Überlebenskampf erfahren. An einen Auftritt im Kriegsgebiet ist freilich nicht zu denken. Nach der Premiere in Ravenna reist der musizierende melting pot stattdessen ins süditalienische Paestum, um an archäologisch bedeutsamem Ort die ungestüme «Eroica»-Energie der Wiedergeburt zu verströmen.

Nicht weniger als die Renaissance gemeinschaftlich gefeierter ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 17
von Peter Krause

Weitere Beiträge
Die Wellen des Raumes

Nachdem der fragwürdige Staatsrechtler Carl Schmitt im Alter seiner Paranoia verfallen war, äußerte er zu einem Bekannten, er müsse seinen berühmten Satz «Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet», den er nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben habe, korrigieren. Nun sage er stattdessen: «Souverän ist, wer über die Wellen des Raumes verfügt.»

Das klingt...

Aus eigener Kraft

Eine Woche Vorlauf brauche er. Doch dann habe er «17 Varianten von zur Verfügung stehenden Produktionen». Sprach der Chef Anfang April, als das Gärtnerplatztheater noch im Zwangsschlaf darniederlag. Ganz so viel sind es nicht geworden, aber 70 Termine vor anfangs 50, dann 100, schließlich 200 Zuhörern, damit kann Josef E. Köpplinger sich und seinem Team auf die...

Zeichen und Wunder

Ganz allein sitzt er da. Einen Tisch, ein Glas Wasser, ein paar fliegende Notizen, den Laptop (sein elektronisches Archiv), eine Leinwand über dem Kopf – mehr braucht Alexander Kluge nicht, um in dem noch abgedunkelten «Elektra»-Raum ein komplettes Zentennium in Schwingung zu versetzen. Ach was, Millennien durchmisst er binnen einer guten Stunde – und die kosmische...