Vom Wegesrand
Über den Inhalt des Buches, das die Dame mit der aufgetürmten Allongeperücke dem nackten jungen Mann zu lesen gibt, darf spekuliert werden. Noch kehrt der Jüngling ihr den Rücken zu, doch lässt das nächste Bild mit dem verrutschten Mieder der Dame allerlei vermuten. Bevor nun die Fantasie mit uns durchgeht, sei vermerkt, dass es sich um im Stile des barocken Manierismus arrangierte Fotos im Booklet des neuen Recitals «Dramma» von Simone Kermes handelt, mit der sächsischen Diva der Alten Musik als auch optisch attraktiver Protagonistin.
So dokumentiert bereits das Booklet dieses dem dramma per musica des italienischen Barock gewidmeten Albums die Lust der Kermes an der Verkleidung, am Spiel mit den Identitäten. Flucht vor dem eigenen Ich? Nein, eher Identifikation, die Suche nach dem Eigenen im Fremden. «Was die Kermes singt, das ist sie auch», schrieb ein Rezensent. Und: Man höre es brennen bei ihr. Die notorische «Jekyll-and-Hyde»-Attitüde der Leipzigerin scheint im Übrigen ideal für die Manierismen des Barock, die Concordia discors, die Vereinigung des Gegensätzlichen unter dem Diktat der Form.
Die «Derwisch-Diva» überrumpelt uns gleich zu Beginn in Ariannas Rachearie «Per ...
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Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Medien, CDs und DVDs, Seite 44
von Gerhard Persché
Muss man eine Oper, die unter armen, frierenden Künstlern in einer intimen Großstadt-Mansarde spielt, bei 28 Grad Außentemperatur in einem Amphitheater vor einer monumentalen antiken Mauer und einer Kulisse von 8000 Menschen aufführen?
Man muss wohl, wenn man sein Programm nicht nach Aspekten künstlerischer Sinnhaftigkeit zusammenstellt, sondern nach der Liste der...
Fast könnte man sagen, es ist ein Abend der Duette. Ausgerechnet dort, wo die Musik des «Fliegenden Holländer» beiläufig wirkt, weil sie mit der Tradition hantiert, sorgt Christian Thielemann für neue Hörperspektiven – in genauer Absprache mit seinen Solisten und einem bestens aufgelegten Festspielorchester. Nicht die von Wagner provokativ und nassforsch...
Box-wer? Ich starre angestrengt auf die Daten meiner nächsten Reise und warte darauf, dass aus den Untiefen meines Gedächtnisses irgendetwas auftaucht – unbemerkt erworbenes Randwissen vielleicht, man darf ja hoffen. Vergebens. Auch der Gang in die Bibliotheken fördert wenig zutage. Boxberg, Christian Ludwig, 1670-1729, Verfasser einer Oper mit dem Titel...
