Vom Kreislauf der Gewalt
ANNA, ESTER, RUUT, JOONATAN, NAOMI. In roten Lettern schreibt ein Mädchen Namen auf eine transparente Plane. Sie selbst ist nur schemenhaft zu erkennen, die durchsichtige Wand umgibt sie von allen Seiten, wie eine eckige Schneekugel. Hindurch schimmern Formen einer Waldlichtung: Moos, Gräser, Geäst.
Vielleicht ein Stück konservierte Kindheit? Und die rote Farbe – eine Anspielung auf den Akt der Gewalt, der ihr ein Ende setzte?
Kaija Saariahos 2021 in Aix-en-Provence uraufgeführte Oper «Innocence» erzählt vom Nachbeben eines fiktiven Schul-Amoklaufes und bedient dafür verschiedene Zeitebenen: In der Gegenwart versucht die Familie des Täters verzweifelt Normalität vorzutäuschen, quält sich aber dennoch mit Vorwürfen: «Manche schieben die Schuld auf Filme und Videospiele, aber vielleicht war es mein Fehler», singt der Vater des Mörders. Er trifft auf die Mutter einer getöteten Schülerin, sie macht ihm bittere Vorwürfe: «Dein Sohn hat meine Tochter mit deiner Waffe getötet.» Dazwischen schieben sich Stimmen aus dem Reich der Erinnerung: Überlebende erzählen, wie Traumata und Angstzustände sie bis heute prägen, dabei geraten die Sprachen in babylonischer Verwirrung durcheinander. ...
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Opernwelt Juli 2026
Rubrik: Panorama, Seite 70
von Anna Schors
Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth, 1968 in der Steiermark geboren, verfolgt seit Langem und erklärtermaßen die Absicht, dass es ihr, wenn sie die Kunstform Oper ansteuert, nicht darum zu tun ist, die bewährte «Synthese» der Künste zu realisieren, und auch nicht darum, irgendeine Form des Gesamtkunstwerks zu suchen; sie strebte immer schon zu etwas...
Gestandene Wagnerianer werden sich über Anno Mungens neues Buch gewiss noch weit mehr erregen als 2002 über Brigitte Hamanns monumentale Monographie «Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth». Der Leiter des zur Universität Bayreuth gehörigen Thurnauer Forschungsinstituts für Musiktheater geht in der Spurensuche zum Zusammenhang von Kultur und Politik im Dritten Reich...
Les frères Jacques» der französischen Gelehrtenrepublik, Jacques Derrida (für die Philosophie) und Jacques Lacan (für die Psychoanalyse), betraten mit ihren geflügelten Sentenzen über das Phänomen des Weiblichen diffiziles Terrain. Derrida dekretierte leichthin und mit ironischem Unterton, die Frau gewähre die Idee, sei also so etwas wie ein personifiziertes...
